bruecken_schlag_worte

Brückenschläge und Schlagworte

Ungeliebte alte Freunde

Mich besuchen dieser Tage ein paar alte Freunde. Wir kennen uns schon sehr lange, deshalb können wir uns gegenseitig nichts vormachen. Ich weiß, wie sie ticken, und sie wissen, wie ich ticke. Vor allem wissen sie, wie sie mich auf die Palme bringen und so richtig fertig machen können – wie es nur die vermögen, die uns am allernächsten stehen. Ich habe sie übrigens nicht eingeladen. Sie haben sich einfach so auf meinem Sofa breit gemacht.

Gute alte Selbstzweifel.

Jeder einigermaßen sensible Mensch macht in unserer Gesellschaft früher oder später Bekanntschaft mit Selbstzweifeln. Ich persönlich bin mir auch ganz gut darüber im Klaren, wer mich ihnen vorgestellt hat. Die Liste derer, die einen oder mehrere Selbstzweifel in mein Leben gebracht haben, ist erschreckend lang. Zum Teil sind da konkrete Personen verzeichnet, mitunter welche, die mir sehr nahestehen; natürlich nehmen aber auch abstraktere Entitäten ihren Platz ein. Zum Beispiel sowas hier:

Was mich derzeit aber so beschäftigt, ist die seltsame Ambivalenz, mit der sich diese anstrengenden Biester in meinem Geist ausbreiten.

Der Lieblingsgegenstand meiner Selbstzweifel ist immer mein Körper. Es wäre ja auch zu schön, wenn ich eine Frau im 21. Jahrhundert wäre, die in der Lage ist, sich über zweifelhafte ästhetische Standards zu erheben, die noch nicht mal meinen eigenen entsprechen. Das absurde ist: Ich finde mich in vielerlei Hinsicht ziemlich gut geraten und kann das auch mit ausreichendem Nachdruck äußern. Und trotzdem sind meine Selbstzweifel in der Lage, mich immer wieder davon zu überzeugen, dass ich nicht schön genug bin. Für wen überhaupt „genug“? Für was, um Himmels willen? Es ist völlig irrational.

Es verhält sich mit anderen Dingen übrigens ganz ähnlich. Berufliche Leistung. Künstlerisches Talent. Zwischenmenschliche Beziehungen. Da ist diese skurrile Gleichzeitigkeit von „Das schaff ich niemals“ und „Also bitte, wer könnte das besser als ich!“ Und ich bin offenbar nicht die einzige. Manchmal scheinen mir fast alle starken Frauen auf diese Symptomatik abonniert.

Engste Freunde und Angehörige, die mich besser kennen, ausgenommen: Wenn ich mich Menschen mit meinen Selbstzweifeln offenbare, ist die Reaktion häufig die völligen Unverständnisses. „Was denn, du?! Quatsch.“ Damit ist die Diskussion vorbei. Ich schaffe alles, ich leiste alles, ich bin doch überhaupt nicht unattraktiv, was ist eigentlich mein Problem. Jammern auf höchstem Niveau.

Als ob ich das nicht wüsste.

Für mich war es einer der schwierigsten Lernprozesse im Leben, Menschen nicht zu erlauben, mir meine Gefühle abzusprechen. Habe ich denn als einigermaßen erfolgreicher Mensch nicht das Recht, an mir zu zweifeln? Muss ich mich schlecht fühlen, weil es mir manchmal schlecht geht? Ist es für mich nicht schwierig genug, das alles zu verstehen – denn wie passt das alles zusammen, wo ich doch tatsächlich gleichzeitig auch manchmal mein völlig gesundes Selbstbewusstsein unter Beweis stelle?

Bisher bin ich mit meinen Gedanken so weit gekommen, dass zwar der selbstbewusste Extrempunkt mit „Ich kann das!“ argumentiert, der Extrempunkt der Selbstzweifel aber nicht mit „Ich kann das nicht“ – sondern mit „Ich kann das nicht gut genug“. Es ist wieder dieses „genug“ – wer setzt eigentlich die Maßstäbe? Wem muss ich genügen? Wann habe ich mir diesen Zwang zur Übererfüllung fremder Maßstäbe selbst auferlegt und aufgehört, zufrieden zu sein, dass ich überhaupt etwas kann?

Meine Mutter hat einmal zu mir gesagt, in unserer Familie wären wir eben immer die Zweitbesten. Damals fand ich das furchtbar. Ich wollte die Beste sein, wenigstens in irgendetwas. Heute finde ich oft Trost in diesem Satz. Die Zweitbeste zu sein ist in vielen Belangen verdammt gut. Natürlich gibt es Dinge, bei denen man sich nicht damit zufriedengeben sollte, zweite Wahl zu sein. Aber das sind meist Angelegenheiten des Herzens, auf die wir keinen Einfluss nehmen können. Wenn es um Leistung geht, die wir selbst in der Hand haben, dann werden wir vermutlich schneller zufrieden, wenn gut uns auch einmal gut genug ist. Und Zufriedenheit ist ein völlig unterschätztes Gut. Sie hält mitunter mehr Seelenfrieden bereit als das große, explosive, kurzweilige Glück.

1 Kommentar

  1. Kenn ich gut. Bei mir gibts 2 Pole: „ich kann das“ vs „ich bin Scheiße“.
    Sein vs. Können.
    Bei Frauen wird „Sein“ noch immer viel höher bewertet als „Können“.

    Ich bin also eine Scheiße, die alles kann.
    Mittlerweile hab ich mich mit dieser Formel angefreundet. Denn was kann einem noch passieren, wenn man das weiß? Was hat man zu verlieren? Nichts!
    Es ist doch so viel besser, als „alles“ zu sein und nichts zu können.

Kommentare sind geschlossen.