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Brückenschläge und Schlagworte

Autor: bruecken_schlag (Seite 27 von 27)

Dalmatien

Die spontane Unterkunft bei Marinas Freundin Ana ist ein echter Gluecksgriff. Ich schaue abends mit ihrem Mann Championsleague und es ist sehr entspannt. Am naechsten Morgen nehme ich den Bus in die Innenstadt. Ich kaufe mein Busticket inzwischen schon auf kroatisch am Kiosk. An der Bushaltestelle wartet ausser mir nur noch eine weitere Frau, prompt habe ich wieder eine Gespraechspartnerin. Wir sprechen zwei Drittel deutsch ein Sechstel polnisch ein Sechstel kroatisch, Wahnsinn!
Zadar ist wirklich schoen, die Stadtmauer grenzt ehrwuerdig die Altstadt ein, deren Kirchen, Tempeln, Foren und Saeulen den Besucher sofort darauf stossen, dass er sich hier an einer Staette des Weltkulturerbes befindet. Ich gehe in die Donatuskirche und frage nach Studentenermaessigung, das Maedchen am Verkaufstisch ist selbst Studentin und laesst mich kostenlos in das ueber 1000 Jahre alte Gebaeude. Anschliessend besuche ich den Glockenturm und geniesse einen herrlichen Blick auf Zadar – und komme dort mit dem Ticketverkaeufer ins Schnacken, weil der parallel zum Verkauf Gitarre uebt. Alle Leute scheinen sich ueber ein nettes Gespraech mit einem fremden Menschen zu freuen. Nachmittags treffe ich Ana, Baby und die zwei Hunde zum Kaffeetrinken and der Uferpromenade. Die ist sehr schick und hat eine echte Attraktion zu bieten: eine Seeorgel, die durch die Wellenbewegung Musik spielt und in die Stufen zum Meer eingebaut ist – dort sitzt man dann und hoert das Meer musizieren.
Von Zadar aus geht es nach Šibenik, dort couchsurfe ich wieder. Meine Gastgeberin Sylvia ist Strassenmusikerin und spielt Djembe, und aus Anlass des „Tags der Erde“ hat sie in der Stadt einen Infostand zum Wasser- und Energiesparen organisiert und einen Drum Circle mit 16 Djembespielern. Ich stehe lange mit einer Rassel mit im Kreis und finde es faszinierend, wie der Rhytmus Besitz ergreift von der Bewegung der Hand, die die Rassel schuettelt. Ich gehe fast ganz darin auf und bemerke dann doch einen Widerstand. Ploetzlich ist mir das unangenehm, diese Dynamik, diese Fremdbestimmung durch den Trommelklang. Neben uns fangen zwei Maedchen an, Poi zu spielen – es ist wunderschoen, wie das Feuer um die zwei herumtanzt vor der mittelalterlichen Kulisse Šibeniks.

Morgens nehme ich den Bus nach Split, es regnet und meine Laune ist mittelmaessig. In Split im Hostel aendert sich das schnell. Nun bin ich das erste Mal unter lauter Reisenden, die Hostels in Slowenien waren ja eher unterbelegt. Deswegen ist der Eindruck von Split auch weniger kultureller Natur als eher zwischenmenschlich – hier wird viel gefeiert und gelacht. Die Stadtkulisse dazu ist natuerlich vom Allerfeinsten: schicke Laeden, Galerien, hippe Cafes und Kneipen sind in antiken Gebaeuden untergebracht, roemische Tempel sind zu christlichen Kirchen umfunktioniert. Das Altertum ist hier zweifach erobert: durch die christliche Religion und durch die moderne Gegenwart.

Es schliessen sich zwei Tage Inselurlaub auf Vis an. Die Insel ist noch nicht lange der Oeffentlichkeit zugaenglich, sie wurde bis Ende der 90er Jahre vom Militaer genutzt. Das erklaert die herrliche Landschaft. Ich erklettere mir wieder lauter Wege, die nicht als solche ausgewiesen sind und entdecke auf diese Weise Insellandschaften von paradiesischer Schoenheit und Unberuehrtheit.

Ich bade in einer menschenleeren kleinen Kiesbucht im glasklaren Mittelmeer. Ich sitze auf dem Gipfel eines Inselhuegels, unter mir die ganze Weite der Adria, kein Mensch weit und breit, und singe Janis Joplins „Mercedes Benz“. Ich lese stundenlang in Ivo Andrićs „Na Drini Čuprija“, natuerlich auf Englisch (auf Deutsch heisst es „Die Bruecke ueber die Drina“ und ich kann es nur empfehlen).

Nach Vis will ich eigentlich nach Dubrovnik, aber meine Faehre kommt erst in Split an, nachdem der letzte Zug nach Dubrovnik schon weg ist. Deshalb bleibe ich noch eine Nacht in Split, schmeisse alle meine Plaene um und fahre heute nach Mostar in Bosnien. Dubrovnik wird dann ein Ausflug von Montenegro aus. Spontaneitaet ist alles.

Slowenische Kueste / Rijeka / Zagreb / Plitvička Jezera

Der Weg von Bled an die Kueste steht unter keinem guten Stern. Ich verlaufe mich natuerlich auf dem fruehmorgendlichen Gewaltmarsch zum Bahnhof in Bled und erwische den Zug gerade noch so, schweissgebadet. Das Wetter ist miserabel und die Sicht auf die eigentlich huebsche slowenische Landschaft dementsprechend auch nur halbschoen. In Koper sitze ich kaum im Bus nach Piran, da faengt es an zu hageln in riesigen Koernern. Na, das kann ja was werden!
Aber ich habe ja mehr Glueck als Verstand mit dem Wetter. In Piran ist strahlender Sonnenschein, und die Adria liegt in schoenster Ruhe zu meinen Fuessen, als ich aus dem Bus klettere. Und mein Gott, was fuer eine huebsche Stadt! Sehr italienisch mit ihrer Piazza, den venezianischen Haeuschen und der Hafenanlage, aber eben irgendwie slawisch! Nicht nur die Strassenschilder sind zweisprachig italienisch-slowenisch (ich freue mich an dem herrlichen Ausdruck „Prvomajski trg“ fuer „Platz des ersten Mai“ – Slowenisch ist so praezise!), sondern auch die Werbeplakate fuer den Sparmarkt. Das Hostel ist teuer, aber gut gelegen und sehr sauber und nett, und in den kleinen Gaesschen kann man sich gut verlaufen. Ich schlendere hoch zur Kirche Svet Jurij. Auf dem Weg waechst Pfefferminze, das riecht so gut. Nachmittags trinke ich einen Cappucino auf einem kleinen Platz, da duftet es auch – nach Zigarettenrauch, Wein, Proščut und Kaffee. Die Stadt ist wunderbar, ich koennte hier Wochen verbringen und einfach sitzen und lesen und gucken.

Am naechsten Tag fahre ich nach Koper weiter – nicht so spektakulaer, aber auch sehr niedlich. Nina, meine Gastgeberin dort, ist wieder eine Couchsurferin, wir gehen abends in einem herrlichen Sonnenuntergang an der Hafenpromenade spazieren. Am Morgen darauf fahre ich mit dem Bus nach Izola und laufe immer am Wasser entlang nach Koper zurueck. In der Ferne glitzern wieder schneebedeckte Berge.

Von Koper mache ich mich auf den Weg nach Rijeka. Die Grenzueberschreitung ist diesmal ganz anders – es gibt einen direkten Zug von Pivka nach Rijeka, ich muss also nur einmal umsteigen. Dafuer kommen in Illirska Bistrica und in Šapjane die Kontrolleure und schauen Paesse an. Ich bekomme meinen ersten Stempel und finde das irgendwie alles so ganz gut und richtig. Dann faellt mir auf, wie komisch es ist, dass ich dieses Ritual so verinnerlicht habe und es so viel gewoehnlicher finde als die Grenzueberschreitung zwischen Ungarn und Slowenien, die ohne jede Formalitaet auskommt. Seltsam.

In Rijeka fahre ich mit dem Bus zu meinem neuen Gastgeber Roni. Wir verstehen uns blendend und schnacken gleich mal mehrere Stunden auf seinem Balkon. Abends wollen wir zu einem Let3 Konzert, eine kroatische Band, die unbeschreiblich ist, ich empfehle Kostproben auf YouTube. Leider ist das Event ausverkauft, aber wir gehen sehr nett mit vielen Leuten was trinken und sind spaet zu hause.
Am naechsten Morgen fahren wir mit dem Bus in das Fischerdorf Volosko und laufen von dort nach Opatija. Ueberall ist oesterreich-ungarischer Kitsch und Kurort-Pomp. Es gibt deutsche Touristen in rauen Mengen, die auf den Hotelterassen sonnenbaden – Roni findet es dafuer noch viel zu kalt, aber ich merke auch schon den Sommer! In Opatija genehmigen wir uns ein Eis, um dann mit dem Bus nach Rijeka an den Hafen zu fahren und dort frische Sardellen zu essen – lecker! Ich mag Rijeka sehr, es hat einen rauen Charme, ein bisschen wie Hamburg – muss am Hafen liegen.

Am naechsten Tag fahreich hoch zum Schloss und geniesse den Blick auf die Stadt. Der Himmel ist grau, aber auf dem Weg ins Zentrum reisst die Wolkendecke auf und es gibt wieder Sonnenschein. Den ganzen Nachmittag sitzen Roni und ich auf dem Balkon und diskutieren beim schoensten Adria-Blick ueber Gott und die Welt. Gegen abend kommt mich ein Freund von Roni abholen, der mich im Auto mit nach Zagreb nimmt.

In Zagreb komme ich in einer Couchsurfer-WG unter. Marina tritt mir ihr Bett ab, weil sie ab und zu gerne auf dem Boden schlaeft – ruehrend! Ich habe nur einen Tag um mir die Stadt anzuschauen, viel zu wenig – es ist seit Budapest die erste Stadt, die die Qualitaet einer Metropole hat, und sie ist viel schoener als ich dachte. Auf Marinas Empfehlung hin fahre ich zum Friedhof, der herrliche Arkaden hat. An einem Grab weint ein altes Muetterchen bitterlich. Ich schleiche eine Weile um sie herum, habe dann aber doch das Beduerfnis, sie zu troesten. Ich gehe zu ihr hin und sage: „Ich verstehe leider kein Kroatisch…“ und sie sagt: „Ich bisschen deutsch.“ Sie weint um ihren Sohn und freut sich glaube ich sehr ueber meine Gesellschaft und meine Hand zum Festhalten. Sie zeigt mir die Graeber der deutschen Gefallenen aus dem zweiten Weltkrieg. Fuenf oder sechs grosse Grabfelder.

Wieder in der Stadt geniesse ich das bunte Treiben und freue mich ueber die Entdeckung der ersten orthodoxen Kirche – so schoen, so wahnsinnig bunt und froehlich! Die Kathedrale ist ebenso eine Offenbarung, und die Parkanlagen um das Theater und verschiedene Museen herum allemal auch einen Spaziergang wert. Abends gehen Marina und ich mit ein paar Freunden in einem ausgesprochen alternativen Laden etwas trinken. Marina hat noch einen zweiten Couchsurfer fuer die Nacht, einen japanischen Puppenspieler, der seine Marionette fuer uns tanzen laesst.

Am Morgen fahre ich ganz frueh zum Busbahnhof, weil um halb 8 mein Bus nach Plitvice zu dem beruehmten Nationalpark gehen soll. Der Bus geht dann erst um 9, deswegen kann ich nicht den ganzen Park sehen – aber mit diesem Fleckchen Erde hat der liebe Gott es wirklich extrem gut gemeint! Ich habe in Europa noch kein so schoenes Stueck Natur gesehen. Wasserfaelle, Seen, Waelder, die Sonne, die auf dem Wasser tanzt. Worte reichen hier nicht aus. Es ist wunderschoen.

Von Plitvice fahre ich mit dem Bus nach Zadar. Ich habe hier keine Couchsurfer gefunden, deswegen hat Marina mich, ruehrend!, an eine Freundin vermittelt, bei der ich jetzt die kleine Wohnung bevoelkere, die eigentlich mit Mann, Baby und zwei Hunden schon voll genug ist. Aber die unfassbare Gastfreundschaft, mit der ich ueberall empfangen werde, hoert auch hier nicht auf. Die Leute haben keinen Platz, aber sie teilen ihn mit fremden Menschen. Das ist ein gefundenes Fressen fuer meinen Idealismus. Das Leben ist schoen.

Maribor / Ljubljana / Bled

In Veszprem habe ich eineinhalb Stunden nach einer Verbindung nach Slowenien gesucht, die nicht ueber Graz geht – das fand ich total albern. Endlich habe ich dann was gefunden und beginne die neunstuendige Fahrt mit der Etappe Veszprem – Zalaegerszeg, dort muss ich umsteigen in einen winzigen Zug von vielleicht 10 Metern Laenge, ein einziger Waggon. Der aechzt und ruckelt dann sehr angestrengt nach Hodoš, wo die Grenze ist. Die letzten Passagiere ausser mir sind an der letzten ungarischen Station ausgestiegen und ich fahre mit dem Schaffner alleine ueber die Grenze und steige in Hodoš aus- das ist ein totales Nest, das im Prinzip aus einem riesigen Bahnhofsgebaeude mit Zollbehoerde und allem Drum und Dran besteht und sonst aus gar nichts. Nur die slowenische Flagge weht stolz und froehlich ueber den Bahnhof. Ich habe dort eine Stunde Aufenthalt, das ist voellig skurril. Mich fasziniert diese voellig entvoelkerte Grenze. Was fuer ein Kontrast zur amerikanisch-mexikanischen Grenze zwischen El Paso und Ciudad Juarez, an der die zwei Staedte und Staaten nahtlos ineinander uebergehen und die Grenze in der Zivilisation ertrinkt! Weiter geht es ueber Murska Sobota und dann immerhin ohne Umsteigen, dafuer in einer absurden Suedkurve ueber Ormož, Ptuj und Pragersko nach Maribor.

In Maribor komme ich in einer WG von 5 Studenten unter, die aber alle arbeiten – ich komme gegen 20 Uhr an und wir sitzen lange in der Kueche, trinken Salbeischnaps und Wein und diskutieren ueber den Bolognaprozess. Ich moechte am liebsten sofort einziehen. Am naechsten Tag stehen Mojca un Rok, in deren Zimmer ich schlafe, frueh auf und ich setze mich dann irgendwann zum Fruehstueck in die Kueche. Ich fuehle mich wie zuhause. Den ganzen Tag laufe ich durch die Stadt, eigentlich laufe ich immer ein kurzes Stueck und sitze dann irgendwo eine Stunde lang und lese mein Buch – an der Drava, auf dem Glavni trg, im Stadtpark, oben auf dem Huegel Piramida. Das Wetter ist phantastisch und abends habe ich einen Sonnenbrand. Langsam trudeln verschiedene Mitbewohner in der Wohnung ein, Tilen kocht, wir trinken Wein, alle rauchen (nur ich bleibe stark!), es kommt Besuch, wir gehen tanzen bis nachts um 3. Es ist als wurde ich hier wohnen.

Am naechsten Tag nimmt Tilen Eva und mich im Auto mit nach Ljubljana. Auf dem Weg halten wir bei einem Weinbauern in der Naehe von Slovenska Bistrica, weil Tilen dort Wein kaufen will. Wir werden verkoestigt wie die Koenige: verschiedene Sorten kalter Braten, Schinken, Kaese, Raeucherwurst mit viel Knoblauch, Kaese, Brot, selbstgemachte Kuchen, zwei Sorten Wein, selbstgemachter Apfelsaft, Most, es hoert ueberhaupt nicht mehr auf! Es ist einfach wunderbar, und die Gesellschaft stimmt auch.

In Ljubljana angekommen finde ich relativ zuegig zu Mias WG – es ist schoen, auch mal bei jemandem unterzukommen, den man schon kennt. Sie hat ihren Freund Kalle zu Besuch, und am ersten Abend gehen wir noch durch den Regen auf die Metelkova, einen herrlichen alternativen besetzten Gebaeudekomplex mit vielen Clubs in ehemaligen Militaerbarracken. Am naechsten Tag entdecke ich Ljubljana – der Blick vom Schloss auf die verschneiten Berge in der Ferne ist unbezahlbar, die Stadt ist wunderschoen, die Menschen so freundlich – Slowenien begeistert mich restlos.

Abends gehen wir essen – zum Nachtisch gibt es Gibanica, einen Mohn-Topfen-Apfel-Walnuss-Strudel-Unfassbar-Lecker-Unbedingt-Sofort-Jeden-Tag-Essen-Wollen-Nachtisch. Ich habe von einer Freundin von Mias Mitbewohnerin auch ein Rezept bekommen. Der zweite Tag in der Hauptstadt ist ruhig, ich kaufe in einem herrlichen Antiquariat mit englischen Buechern – eine Empfehlung der Maribor-WG – Vladimir Bartols „Alamut“, einen slowenischen Klassiker. Auf die Lektuere freue ich mich sehr!

Heute in aller Fruehe dann der Bus nach Bled. Auf der Fahrt brechen die schneebedeckten Berge durch eine dicke Wolkenwand, das sieht so schoen aus! Leider nieselt oder regnet es den ganzen Tag, aber der Spaziergang um den herrlichen Bleder See mit dem Inselchen in der Mitte und die Fahrt mit dem Boot dorthin lasse ich mir nicht nehmen. Ich laeute die Wunschglocke und denke in dem barocken Kirchlein an meine polnischen Freunde und frage mich, wie es in Polen wohl aussieht nach dem Flugzeugunglueck.
Nachmittags laufe ich noch hoch zum Schloss. Dort gehe ich nicht hinein, der Eintritt ist unverschaemt teuer und schon die Bootsfahrt und der Eintritt auf der Insel waren nicht von Pappe. Aber ich waere nicht Papis Tochter, wenn ich nicht eine Alternative zum Blick von der Schlossmauer suchen wuerde. Ich besteige voellig unbefestigte Wege und laufe um das Schloss herum. Gott segne das Profil meiner Wanderstiefel, ungefaehrlich ist das nicht – aber ich werde mit einem atemberaubenden Blick auf den See belohnt.

Morgen muss ich in aller Fruehe einen Zug bekommen und fahre dann an die Kueste – da soll auch das Wetter wieder besser werden. Schon jetzt ist mir klar, dass dies nicht mein letzter Besuch in Slowenien sein wird, ich habe zu wenig Zeit fuer alles, was ich sehen moechte. Eine unfassbare Vielfalt, von Mittelmeerkueste bis zum Skifahren in den Alpen, Weinberge, Hoehlen, roemische Ruinen, es scheint hier einfach alles zu geben und nichts ist weiter als drei bis vier Stunden entfernt- es sei jedem ans Herz gelegt, sich davon selbst zu ueberzeugen!

Kecskemét, Pécs, Veszprém, Balaton

An meinem letzten Morgen in Budapest gehe ich lange auf der Margareteninsel spazieren. Am Ufer entlang flanierend höre ich plötzlich so eine Klopfen, ein bisschen wie von einem Specht. Ich schaue hinter die Straeucher am Weg und da ist ein riesiges Gehege mit Störchen, die mit den Schnaebeln klappern. Ich habe noch nie so viele Störche auf einmal gesehen. Schöne Tiere. Überhaupt erlebe ich in diesem Land viel Friedlichkeit. Von der Margareteninsel gehe ich zurück zum Szabadság tér, den ich schon am ersten Tag so mochte – es muss am Namen liegen, es ist der Platz der Freiheit, wie ich nun weiss. Dort sitze ich lange in der Sonne und gucke Kindern auf dem Spielplatz zu. Es ist herrlich, für so etwas Zeit zu haben.
Die Zugfahrt nach Kecskemét ist unaufregend. Ich fahre dort übrigens hin, weil Mami bei der Reiseplanung immer dieses Brahmslied gesungen hat: „Schönstes Staedtchen im Alföld ist Kecskemét!“ Ich lerne dann von meinem Gastgeber Dániel, dass Alföld auf ungarisch so etwas wie Tiefebene heisst. Die Stadt ist sehr hübsch und sehr klein, das Glockenspiel am Art-Nouvaeu-Rathaus spielt ein Stück aus der Zauberflöte und die Sonne scheint.

Am zweiten Tag fahren Dániel und ich mit einem Freund von Dániel in einem 30 Jahre alten Opel Kadett in den Kiskunság Nationalpark. Hier geht es mir zum ersten Mal so wie an vielen Orten danach in Ungarn: Ich bin zuerst nur maessig begeistert und plötzlich wird es wunderschön und übertrifft meine Erwartungen. Der Blick von dem Kirchhügel in dem kleinen Dorf beim Park über die Tiefebene, und die Sonne, die postkartenkitschig blutrot zwischen den dunkelgrauen Wolken hindurchscheint, diese Weite – es ist wunderschön und ein bisschen wie in Norddeutschland mit dem platten Land. Wir laufen 4 1/2 Stunden durch den Park – ganz beabsichtigt ist das nicht, wir verlaufen uns zwischendurch ein bisschen. Aber umso besser schmeckt die Palinka, der Schnaps, nach der Rückkehr nach hause. Abends gehen wir mit vielen Leuten etwas trinken und ich lerne, dass man in Ungarn die Begrüssungsküsschen von rechts nach links gibt – sehr verwirrend!

Am naechsten Tag geht es in aller Frühe nach Pécs. Langsam brauche ich mal eine Pause von der vielen Gesellschaft und Zeit um über all die neuen Eindrücke nachzudenken. Ich erkunde die Stadt allein. Sie ist Kulturhauptstadt 2010, aber nichts ist fertiggeworden, alles ist Baustelle. Das ist sehr schade, man merkt, dass es eine wunderbare Stadt ist. Die Moscheekirche auf dem Hauptplatz und die Kathedrale haben es mir besonders angetan. In der Kathedrale gehe ich am Ostersonntag morgens in den Kindergottesdienst. Er ist sehr stimmungsvoll. 
Am Ostermontag fahren mein Gastgeber Zsolt und ich mit einer Freundin von ihm in ein Dorf in der Naehe von Pécs und gucken uns dort die traditionellen Ostertaenze an – mit Trachten und Blaskapelle, es ist wirklich süss. In Deutschland kaeme es mir nicht so hübsch vor, sondern ein bisschen albern, befürchte ich.
Nachmittags fahre ich nach Siófok an den Balaton. Das Wetter ist jetzt grauslig, es giesst in Strömen. In Siófok habe ich ein Pensionszimmer, ich bleibe dort und mache mir einen ruhigen Nachmittag mit, oh Schreck, deutschem Fernsehen. Wir haben alle unsere Laster… Der Ort macht vom Bus aus ohnehin keinen netten Eindruck, sondern wirkt wie eine Ansammlung einer beliebigen Menge von Kreisverkehren unterschiedlicher Grösse. Am naechsten morgen gehe ich zum Faehranleger – hier zeigt Siófok seine touristische Seite, aber am Strand stehen auch ein paar hübsche herrschaftliche Gebaeude. Es weht und windet, der See schlaegt hohe Wellen, ich verstehe ein bisschen, warum sie ihn das „ungarische Meer“ nennen. Die Faehre geht im April nur am Wochenende. Ich fahre also mit dem Bus nach Veszprém.
In Veszprém komme ich bei einer Familie mit drei Kindern im Altern von 1 1/2, 5 und 8 Jahren unter. Vater Gabor ist Übersetzer und spricht sehr gut englisch, Mutter Judit spricht ein bisschen deutsch. Es ist ein Abenteuer, und ich finde es wunderbar. Nach meiner Stadterkundung – Veszprém hat einen hübschen Schlossberg und liegt sehr malerisch am Hang – gibt es abends ein grosses Abendessen und anschliessend spiele ich mit Gabor und den beiden grossen Kindern Carcassonne. Der Kleine ist schon im Bett, aber meine Güte, so ein süsses Kind! Am naechsten Morgen beim Frühstück gibt er mir sogar ein Küsschen, einfach so. Mir geht das Herz auf!
Ich erkunde von Veszprém aus auch Keszthely (sprich „Kaest-hej“ – oh, diese Sprache!!!) mit seinem habsburgischen Schloss, Balatonfüred mit seiner herrlichen Uferpromenade und dem Schick eines Kurorts – es gibt hier auch Heilquellen – und Tihany, das auf der gleichnamigen Halbinsel auf einem Berg über dem Balaton thront und mir einen herrlichen Panoramablick eröffnet.
Ich sitze lange auf der Mauer der Klosterkirche und lese. Als ich mich umdrehe, ist der Schatten des Berges unten über das Ufer der Halbinsel hinaus auf den See gekrochen und man sieht die Silhouette der zwei Kirchtürme auf dem Wasser. Auf der Busfahrt zurück nach Veszprém geht die Sonne unter. Der See hat tausend verschiedene Farben, in Siófok war er grau, in Balatonfüred nachmittags war er von einem hellen Grüngrau, von Tihany oben war er blau und silbern und im Sonnenuntergang jetzt glaenzt er golden. Ein herrliches Fleckchen Erde.
Heute geht es in 9 Stunden mit 5 bis 6 mal umsteigen nach Maribor. Eine neue Grenzüberschreitung. Ich bin gespannt!
„Reisen ist gesund, ich hau ab und zieh Leine und ihr seht mich als Punkt am
Horizont verschwinden um ein Stück weiter hinten mich selbst zu
finden…“

Wien / Bratislava / Budapest

Man haette ja auch fliegen können. Aber Zugfahren erlaubt es, so richtig Abstand zu bringen zwischen den Ort, den man verlaesst, und den, zu dem man reist. Im Übrigen ist so eine Bahnfahrt von Berlin nach Wien doch sicherlich immer für eine Überraschung gut und überdies unschlagbar günstig. Ich steige morgens um halb 9 in Berlin in den Zug und – schwupps! – zehn Stunden spaeter bin ich in Wien. Dazwischen liegt ein Abenteuer: Ich teile eine Sitzgruppe im Grossraumwagen mit einer sechsköpfigen bosnischen Familie, Mama und fünf Söhne, der aelteste so um die 15, die jüngsten Zwillinge von etwa 4 Jahren – halleluja! Wenn ich nicht aufgeregt gewesen waere und ausgesprochen gut gelaunt, haette mich nach etwa einer halben Stunde der Geruch von warmgewordenen Milchprodukten aus der riesigen Provianttüte tödlich genervt, und das Geschrei der Zwillinge erst recht. Ich bin aber gut gelaunt, und laechle die arme Mutter immer wieder an, damit sie kein schlechtes Gewissen hat. Dafür bietet sie mir spaeter in gebrochenem, aber ausgesprochen charmantem Deutsch Waffeln an. Jetzt freue ich mich noch mehr auf Bosnien!

Wien ist wunderbar, aber vor allem wegen Nele und der schönen entspannten Zeit, die wir miteinander verbringen. Die Stadt und ich werden keine besten Freunde mehr, ich halte sie auf Distanz. Sie ist mir zu kühl und zu adrett.
Umso schöner der Tagesausflug nach Bratislava. Die Stadt wirkt kaum wie eine Hauptstadt, zu verschlafen und gemütlich kommt sie daher an diesem Schönwettersonntag. Aber gegen die Abwesenheit von Hektik habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Nele und ich schauen in die Martinskathedrale hinein, dort gibt es ein kostenloses Konzert, ich glaube es ist eine Passion. Herrlich! Anschliessend gehen wir ausgesprochen gut und günstig essen in einem Restaurant, das der Lonely Planet empfiehlt. Um uns herum spricht man trotzdem, Gott sei Dank, nur Slovakisch, es ist also keine Touristenfalle und die Atmosphaere stimmt auch mit Haekelvorhaengen und alten Radios und Schreibmaschinen als Deko. Ich versuche auf Polnisch zu bestellen und das klappt ganz gut.

Und ploetzlich ist schon Montagmorgen und ich steige in Wien an einer der zahlreichen Baustellen, die ein Bahnhof sein wollen, wenn sie gross sind, in den Zug nach Budapest. Drei Stunden dauert die Fahrt, jetzt ist es endlich so richtig losgegangen!
Am Keleti Bahnhof steige ich aus, das Gebaeude ist wunderschön und alles ist aufregend. Es ist ein Kopfbahnhof, und zwischen Gleisende und Absperrung spielen alte Maenner Schach. Das Wetter ist fast sommerlich warm und es herrscht ein buntes Treiben. Ich gebe meinen Rucksack in die Gepaeckaufbewahrung und stiefele los.
Als erstes lande ich, eher zufaellig, im juedischen Viertel. Die Synagoge ist von aussen herrlich, aber es ist voll und teuer und das Wetter ist zu schön um drinnen zu sein. Ich laufe also weiter und erkunde Pest von allen Seiten. Viele hübsche Ecken gibt es, und ich bin ganz angetan. Mehr oder minder plötzlich stehe ich auf dem Szabadsag ter, der umrahmt ist von herrlichen Gebaeuden, und meine Begeisterung waechst – und dann taucht das Parlament auf und ich kann mich kaum noch halten. Der Reichstag wirkt wie eine schlecht gestrichene Streichholzschachtel dagegen.
Mir faellt auf wie lange ich nicht mehr in einem Land war, in dem ich die Sprache kein bisschen verstehe. Ich habe noch nicht mal eine Ahnung, wie man irgendwas aussprechen könnte. Was die Leute reden ist mir ein völliges Raetsel. Heute, drei Tage spaeter, habe ich mich schon ein bisschen daran gewöhnt, ich spreche jetzt in der Metro dem Ansager die Stationen nach um ein Gefühl für die Sprache zu bekommen, aber es ist so unfassbar anders, dass es mich manchmal etwas anstrengt. Dunkel fühle ich mich an die Zeiten erinnert, in denen das Polnische mir genauso fremd war. Wie schön, dass das vorbei ist!
Nun, ich fahre also abends zu meinen Gastgebern zur ersten Couchsurfing-Erfahrung, ich habe lange niemanden gefunden und Melinda und Laszlo haben sich sehr kurzfristig bereit erklaert, mich aufzunehmen – die beiden sind entzückend und wahnsinnig hilfsbereit und freundlich. Sie müssen die ganze Woche sehr viel arbeiten, aber ich bekomme haufenweise Hinweise auf lohnenswerte Aktivitaeten.
Am naechsten Morgen stehen wir alle frueh auf, da ich keinen Schlüssel habe muss ich mit den beiden das Haus verlassen. Ich erkunde tagsüber das Parlament von innen – für EU-Bürger ist das kostenlos. Besonders gefallen mir die Zigarrenhalter vor den Plenarsaelen und die Tatsache, dass sich der Securitymann am Eingang von dem Hinweis auf das Messer in meiner Tasche (sowas muss man als Backpacker ja dabei haben) kein bisschen beeindrucken laesst. Ich schaue mir auch die Stephanskathedrale an und gehe nachmittags mit einem ungarischen Maedchen, das ich ebenfalls über Couchsurfing kontaktiert habe, zum Schloss hoch. Es ist ein sehr netter Nachmittag mit angeregten Diskussionen.
Heute schliesslich war ich früh am Heldenplatz und dann im Haus des Terrors, einem Museum über die Pfeilkreuzler, die ungarischen Nationalsozialisten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, und den Soviet-Terror in Ungarn. Museumspaedagogisch erinnert es mich hier an das Museum zum Warschauer Aufstand in Warschau, es ist sehr interaktiv und emotional aufgezogen. Ich lasse mich darauf nicht mehr so stark ein wie früher vielleicht. Ich habe aber auch sachlich einiges mitgenommen, denn ich war so firm zuvor in ungarischer Geschichte nicht. Am fruehen Abend bin ich in einem kostenlosen Konzert im Palast der Kuenste und geniesse anschliessend das Sonnenuntergangs-Panorama auf dem Gellert-Hügel.

Untermalt werden diese vielen kulturellen Eindrücke natürlich von den zugehörigen Kleinigkeiten – zum Beispiel das Geraeusch der Krankenwagen. Es klingt wie ein Laser-Maschinengewehr in einem Computerspiel, das einen besonders scheusslichen Ork töten soll. Oder die roten Postkaesten. Oder die Computertastatur, auf der es ü und ö gibt, aber keinen a-Umlaut, dafür ł und Ł, obwohl die Ungarn das nicht brauchen. Oder der kurze Ausflug in die Markthalle, wo es so wahnsinnig gut duftet nach Gemüse, Gewürzen, frischem Fleisch und ganz viel Knoblauch und Paprika. Diese Kleinigkeiten werden sich noch weiter zu einem Ungarn-Gesamteindruck zusammenfügen. Denn noch ist ja Ungarn nicht abgeschrieben: Morgen geht es erstmal nach Kecskemet, und dann nach Pecs und an den Balaton. Ich hoffe zum Beispiel noch auf ein zünftiges Gulas und auf den ersten Titel in meinem Lieder-Repertoire, das ich mitbringen soll. Da gibt es noch viel zu tun. Also: Szia!

Berlin II

In den letzten 8 Tagen, die ich hier verbracht habe, habe ich mir die Stadt von Osten kommend erwohnt.
Treptow ist ein Stadtteil, wie er in vielen deutschen Großstädten gelegen sein könnte. Ein bisschen grau und irgendwie ganz normal. Es erschlägt einen nicht gleich mit voller Kraft diese Empfindung, dass man in Berlin ist. Ich habe das sonst an vielen Stellen in dieser Stadt, dieses Gefühl, dass dir jede Ecke entgegenwirft, ein Teil Berlins zu sein und als solcher unglaublich besonders. Faszinierend ist aber, dass auch Treptow nicht beliebig ist oder langweilig, sondern ebenso einen Berlinstolz in sich trägt wie die Stadtteile, in denen ich danach Station gemacht habe. Es ist dort nur ein bisschen subtiler.
Friedrichshain ist viel plakativer, was das angeht. Am Frankfurter Tor stehe ich und schaue auf die Karl-Marx-Allee, die ehemalige Stalinallee, und mich versöhnt dieser Ort ein wenig mit der Tatsache, dass es den Palast der Republik nicht mehr gibt. Dessen Abwesenheit habe ich auf einem Spaziergang vom Alex zur Museumsinsel empfunden wie eine Wunde im Stadtbild, fast schon wie eine Wunde am eigenen Körper. War der Palast der Republik auch die vielleicht noch so hässliche Narbe, die zurückblieb, nachdem das Stadtschloss gesprengt wurde – jetzt versucht man, diese Narbe wegzulasern und bildet sich ein, dass sie dadurch unsichtbar würde. Ein, wie ich glaube, fataler Irrtum. Nun, Friedrichshain trägt weiter das Gesicht dieses Teils deutscher Geschichte, und es ist siffig und dreckig und links und stolz darauf. Es ist eine sehr ehrlich Gegend.
In Kreuzberg macht sich bemerkbar, was so viele junge Menschen nach Berlin zieht. Es ist ein Gefühl von kreativem Idealismus. Es ist auch ein Gefühl von Szene. Viel reflektieren die Bewohner von Berlin, wie schnell sich derzeit ein Stadtteil verändert. Es geht dabei meistens um den Punkt, an dem aus einem schönen, jungen Standort neuer, kreativer und aufregender Läden, Einrichtungen und Ideen ein Ort entsteht, in dem genau dieses Lebensgefühl zu einer kultivierten Szene stilisiert wird und dadurch seinen Charme verliert. Als Nicht-Berlinerin hat mich der Zauber noch voll ergriffen, und ich habe in Kreuzberg ein Berlin gesehen, das auch mich reizt und herausfordert, das mich lockt und in Versuchung führt mit seiner Sucht nach Leben.
Schließlich bin ich nun in Mitte. Hier ist es zunächst einmal ein bisschen glatt gegenüber den vorigen Stadtteilen, eben und gerade. Gepflegt. Schön. Aber eben doch Berlin und unter der Oberfläche wilder und freier als die entsprechend schicken Stadtteile von Hamburg. Ich bin begeistert von Berlin wie eh und je, und zwar deswegen, weil es mich auch in Mitte, das es mir einfach zu machen scheint, immer noch anstrengt und herausfordert mit seinen tausend Möglichkeiten und seinem Hang zu Überraschungen.
Übermorgen breche ich vom Hauptbahnhof auf nach Wien, mit dem Zug über Tschechien. Berlin präsentiert sich auf der Stadtbahnstrecke von Zoo bis Ostbahnhof von einer Schauseite mit Gedächtniskirche, Siegessäule, Reichstag, Bundeskanzleramt, Museumsinsel, Dom und Fernsehturm. Immer wenn ich dort entlangfahre werde ich ganz aufgewühlt, weil mich diese Schaustücke daran erinnern, was Berlin alles dahinter ist und sein will und was es vom Menschen fordert, der sich dort aufhält. Ich habe es als Besucher wie als Bewohner immer als eine herausfordernde Aufgabe empfunden, in Berlin zu sein. Ich mag Herausforderungen.

Berlin

Immer wenn ich in Berlin bin muss ich daran denken, wie an meiner Schule das Musical „Linie 1“ aufgeführt wurde, als ich in der 5. Klasse war. Damals habe ich wahrscheinlich ungefähr nichts von der Handlung verstanden, aber die Musik fand ich damals toll, und heute gehe ich durch Berlin und habe verschiedenste Lieder im Ohr. Zum Beispiel das hier:
„Es ist herrlich zu leben, mein Kind,
Es ist herrlich zu leben, wenn ein Tag neu beginnt.
Das Herz will zerspringen, die Seele verglühn,
Wenn am Görlitzer Bahnhof die Linden blühn
Und über der Mauer die Möwen ziehn –
Es ist herrlich zu leben in Berlin!“
Und Berlin ist tatsächlich herrlich und aufregend und ich würde auf der Stelle herziehen, wenn ich nicht zuerst den wilden Osten unsicher machen müsste.
Es erreichen mich außerdem soeben per Email mein Masterzeugnis und die Bescheinigung vom Dekanat, dank derer ich mich jetzt offiziell „Doktorandin“ schimpfen darf. Das ist auch ziemlich aufregend, aber vermutlich werde ich diese Art der Aufregung erst nach der Reise richtig zu schätzen wissen.

Hamburg / Motto

Noch immer in Hamburg, komme ich inzwischen ein wenig dazu, meine Reise vorzubereiten. Ich sitze zum Beispiel gerne bei Starbucks und lese in meinem Lonely Planet – autsch, soviel zu meiner Individualität. Ausgerechnet der Lonely Planet, den sich jeder Rucksackreisende anschafft. Und dann auch noch Starbucks, so ein heterotopisch anmutender Ort! Hm, ich frage mich, ob ich es wohl schaffe, Foucault mental zuhause zu lassen? Na, wenigstens kann ich versprechen, dass ich auf der Reise alles daran setzen werde, nicht ein einziges mal bei McDonalds / Burger King einzukehren!
Und immerhin fühle ich mich inzwischen in der Geographie Osteuropas so sicher, dass ich mir ein paar alternativ einsetzbare Reiserouten zurechtgelegt habe. Nebenbei wächst die Liste von Anschaffungen, die ich noch tätigen muss: Ohropax für laute Hostel-Schlafsäle, Wandersocken, eine zusätzliche Speicherkarte für die Kamera. Über diesen Überlegungen werde ich täglich ein bisschen aufgeregter.

Jenseits von materiellen Planungen beginne ich auch, mich emotional auf die Reise einzustellen. Vielleicht ist einigen aufgefallen, dass ich das polnische Motto auf dieser Seite geändert habe. Zuvor stand da:

Za rzeką i za górą, ciągle nas kusi blask. Jest tyle miast przed nami, za nami tyle miast… Bo nie wiemy co za tym dniem, za horyzontem, za snem, jaki rysunek miast i skąd ten w oczach blask; czy to jest ten drugi brzeg, koniec szukania, dróg kres; czy to twój rysunek ust – Co może być, jest już…

Es handelt sich bei diesem hübschen Text um ein Zitat aus einem Lied von Grzegorz Turnau. Nach wie vor bleibe ich dabei: Es ist zum Übersetzen einfach zu kitschig. Wer eine unkitschige Übersetzung leistet, bekommt von mir etwas von der Reise mitgebracht.
Das neue Zitat ist, Überraschung, von Ryszard Kapuściński. Wer es sich noch nicht gedacht hat, ich bin ein großer Fan.

Podróż przecież nie zaczyna się w momencie, kiedy ruszamy w drogę, i nie kończy, kiedy dotarliśmy do mety. W rzeczywistości zaczyna się dużo wcześniej i praktycznie nie kończy się nigdy, bo taśma pamięci kręci się w nas dalej, mimo że fizycznie dawno już nie ruszamy się z miejsca. Wszak istnieje coś takiego jak zarażenie podróżą i jest to rodzaj choroby w gruncie rzeczy nieuleczalnej.

Annelie hat in einem Kommentar weiter unten schon eine Übersetzung gechrieben, vielen Dank! An dieses Stück traue ich mich aber selbst auch heran. Also:

Die Reise aber beginnt nicht in dem Moment, in dem wir uns auf den Weg machen, und sie endet nicht, wenn wir das Ziel erreicht haben. Tatsächlich beginnt sie viel früher und endet so gut wie niemals, denn das Band der Erinnerung spinnt sich in uns weiter fort, auch wenn wir uns physisch schon lange nicht mehr vom Fleck bewegen. Es gibt doch schließlich so etwas wie die Ansteckungsgefahr des Reisens, und dabei handelt es sich um eine Art Krankheit, die im Grunde genommen unheilbar ist.

Eine familiäre Vorbelastung macht mich wohl besonders anfällig für diese Krankheit. Ausgebrochen ist sie spätestens vor zehn Jahren, als ich mich auf den Weg in mein Austauschjahr nach El Paso, Texas machte. YFUler wissen was ich meine, wenn ich sage: Ich habe vielleicht einfach seit damals nicht mehr mit dem Reisen aufgehört, und genauso wie es bei der Reise nach Amerika war, so hoffe ich auch von dieser Osteuropareise, dass sie niemals aufhört. Erstmal freue ich mich aber darauf, mich auf den Weg zu machen, auch wenn die Reise schon längst angefangen hat.

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