Eine Bekannte hat eine schlimme Trennung hinter sich. Langsam findet sie ins Leben zurück. Neulich sagte sie: „Ich finde mich inzwischen damit ab, dass das mit der Liebe für mich nicht mehr passieren wird.“ Sie ist 29.

Ich denke daran, wie ich Ende 20 war und Single. Wie alle um mich heirateten und schwanger wurden und ich auf jeder Feier allein tanzen musste. Wie ich es gehasst habe, wenn Leute sagten: „Bald lassen sich die ersten wieder scheiden. Dann kommt deine große Stunde.“ Als ob es mein Wunschtraum sein könnte, Glück nur um den Preis fremdem Unglücks zu finden. Mein Herz wird weich. Was kann ich meiner Bekannten raten? 

„Ich glaube, es ist gut, wenn man nicht alles davon abhängig macht, jemanden zu finden,“ habe ich vorsichtig zu ihr gesagt. „Aber ausschließen solltest du es doch auch nicht.“ 

Immerhin habe ich mit 29 meinen Mann kennen gelernt. 

Sie sieht mich genervt an. „Ich bin es Leid. Ich will auch niemanden, der schon in jedem Pool geplanscht hat.“

Sie ist 29.

Davon abgesehen, dass ich das Bild vom Pool ziemlich unappetitlich finde, habe ich nicht gleich verstanden, warum mich ihre Reaktion so befremdet hat. Ich habe deshalb länger über diesen Satz nachgedacht. 

Jeder möchte natürlich etwas besonderes für den oder die eigene*n Partner*in sein. Mit um die 30 kann man nicht mehr von Menschen erwarten, dass sie noch keine sexuellen Erfahrungen gemacht haben. Ich selbst halte auch eine lebhafte sexuelle Vergangenheit bei anderen Menschen nicht per se für einen charakterlichen Makel, aber gut. Jeder nach seiner Façon und so. 

Was ich aber wichtiger finde: Man kann nicht erwarten, dass Menschen in diesem Alter noch keine emotionalen Erfahrungen gemacht haben. Wie ist es mit jemandem, der Anfang 30 ist und, sagen wir mal, drei Beziehungen von je drei bis vier Jahren hatte, die aus verschiedenen Gründen gescheitert sind – betrogen worden, Fernbeziehung nicht ausgehalten, auseinander gelebt…? Hat der oder die „jedem Pool geplanscht“?

Das Bild degradiert zwischenmenschliche Beziehungen, die Menschen machen – insofern man nicht selbst daran beteiligt ist. Es klingt so, als sei Sex für die meisten Menschen etwas bedeutungsloses, vielleicht auch schmutziges. Und es schert alle Menschen und Lebenswege über einen Kamm. Das ist eifersüchtig ohne Verdachtsmoment. 

Auch und gerade die Lebenserfahrung macht Menschen interessant. Deshalb bin ich so gerne 30 geworden. Damit kam eine gewisse Entspannung und auch eine Großzügigkeit gegenüber anderen Lebenswegen. Mir hat das gut getan. Ich wünsche es meiner Bekannten auch.