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Brückenschläge und Schlagworte

Autor: bruecken_schlag (Seite 25 von 27)

Levoča, Spišský hrad und Prešov

Nach einem abend voller Lieder besuchen wir am nächsten Morgen den evangelischen Gottesdienst in Kežmarok. Da ich spät im Bett war, bin ich ein bisschen zu spät dran, die anderen sitzen schon in einer vorderen Bank in dem großen grauen Kirchenschiff. Ich leise setze ich mich in eine der hinteren Bänke. Ich versuche, das Kirchenlied mitzusummen, das gerade angestimmt worden ist. Da steht plötzlich Mikuláš Liptak, der uns am vorigen Tag die Stadt gezeigt hat, neben mir und hält mir mit einem lieben Lächeln sein Gesangbuch hin. Slowakisch ist nicht schwer zu lesen, ich kann gleich mitsingen. Von der Predigt verstehe ich aber nicht viel. Meine Gedanken schweifen ein wenig ab und mein Blick fällt auf die linke Kirchenwand. Dort ist ein Soldat abgebildet, der vor einem Engel kniet, und es steht auf Deutsch – wir befinden uns ja in der Region der Karpathendeutschen – darunter: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässet für seine Freunde.“ Es ist ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Ich finde den Spruch makaber. Für Freunde? Für ein Land, für eine abstrakte Idee! Menschen waren in den Weltkriegen auch gezwungen, Freunde zu töten, vielleicht häufiger, als für sie zu sterben.
In zwei Kleinbussen fahren wir nach Levoča, ewige Konkurrentin von Kežmarok und, wie ich finde, noch hübscher, wenn auch weniger lebendig. Es sind kaum Menschen unterwegs. Auch hier steht uns wieder ein kompetenter Stadtführer zur Verfügung: Herr Chalupecky ist Historiker und spricht wie Herr Liptak dieses reizende Zipser Deutsch mit den langgezogenen Vokalen und dem leicht gerollten R. In Kežmarok haben wir uns den ganzen Tag in ausgekühlte Gebäude angeschaut, in der Burg waren es 4 Grad. In Levoča strahlt die Sonne jetzt richtig warm und die bunten Häuser am Marktplatz leuchten. Viele sind gelb und orange. Dadurch sieht die Stadt warm und fröhlich aus. Es ist wieder zu wenig Zeit, ich würde gerne die Seitenstraßen erkunden und ein bisschen auf dem Platz vor dem Rathaus sitzen.
Anschließend bringen uns die Busse auf die Zipser Burg, Spišsky Hrad. Mitten in der weiten Landschaft steht sie grau und behäbig auf ihrem Hügel. Auf dem höchsten Turm hat man einen vollständigen Rundum-Ausblick in die weite Landschaft. Es ist windig und frisch dort oben, und herrlich in der Sonne.
Ausgehungert lassen wir uns von unseren Bussen zu einem nahegelegenen Ausflugslokal bringen. Vor dem Eingang steht ein winziger Käfig mit einem Lämmchen darin. Das arme Tier hat nicht einmal Platz um aufzustehen und mäht kläglich. Wir debattieren lange, ob wir gehen oder bleiben, zumal die Bedienung unfreundlich ist. Schließlich landen wir aber doch auf der Terasse des Restaurants. Müdigkeit und das milde Entsetzen über die Tierquälerei sind nur zu ertragen, wenn man sie nicht so schwer nimmt, und wir werden zügig unglaublich albern. Nachdem die Mägen wieder mit den gewohnt fleisch- und käselastigen Speisen gefüllt sind, geht es wieder besser und wir besteigen etwas ausgeruhter den Bus nach Prešov.
Das Hotel in Prešov ist das erste und das einzige auf der Reise, das nicht modern und schön wäre. Verwöhnt von den vorigen Unterkünften können wir uns eines leisen Erstaunens nicht erwehren, als der Bus an einem waschechten Plattenbau hält. Die Einrichtung in den Zimmern wirkt ebenfalls wie ein Relikt aus dem Sozialismus. Die meisten von uns sind sich jedoch einig, dass es nichts zu meckern gibt. Die Betten sind bequem, es ist nicht ungepflegt und überhaupt hätte man ja sonst schon fast vergessen, dass man in Ostmitteleuropa unterwegs ist. In der Tat scheint die Slowakei in vielerlei Hinsicht mitten in Europa angekommen zu sein – Schengen, Euro und Turbokapitalismus haben das ihrige dazu getan. In den nächsten Tagen werden uns jedoch noch einige Menschen und Situationen begegnen, die auch die Rückstände des Landes aufzeigen. All das ist jedoch weit weg, als ich auf dem Balkon unseres kargen Zimmers stehe und in den Sonnenuntergang schaue. In der Ferne auf einem Hügel ragt ein hübscher Kirchturm in den Himmel. Während die Sonne rot am Horizont untergeht, wird seine Silhouette immer schwärzer und schwärzer. Angesichts dieses ausgesprochen romantischen Naturschauspiels fallen die Plattenbauten in direkter Umgebung kaum mehr ins Gewicht.
Am nächsten Tag haben wir morgens Programm an der Universität und eine ausgesprochen schlechte Stadtführung. Das ist schade, lieber hätten wir uns die Stadt unter diesen Umständen unabhängig angeschaut, aber man kann ja vorher nicht wissen, wer so etwas gut macht und wer nicht.
Umso spannender wird der Nachmittag. Wir treffen uns mit Roman Čonka, dem Chefredakteur der Romazeitung Romsky Novy List. Er stößt beim Mittagessen zu uns, und als er den Raum betritt, kann ich erst gar nicht zuordnen, wer dieser indisch aussehende Mensch sein mag. Er hat ein gutes Gesicht und eine feine, höfliche, jedoch entschiedene Stimme. Martin übersetzt ins Deutsche, was uns Herr Čonka auf Slowakisch erzählt. In einer unserer Fragen geht es um die Sprache in der Zeitung. Martin übersetzt: „Die meisten Artikel sind auf Slowakisch, weil eben viele Roma nicht lesen können…“ und korrigiert sich sofort: „… nicht Romani lesen können.“ Eine Auseinandersetzung mit der Minderheit der Roma ist hier zwangsläufig politisch stark aufgeladen. Ein harmloser Versprecher kann einem sehr unangenehm sein. Dies ist umso mehr der Fall, dass wir am Morgen im Gespräch mit den slowakischen Studierenden befremdliche Reaktionen auf das Thema der Roma erfahren haben. Glaubt man einigen Aussagen, so geht es den Roma im Gefängnis sowieso am besten. Abgesehen davon werden die Roma ohnehin nie als solche bezeichnet, stattdessen ist der gute alte „Zigeuner“ gängig. Ich erinnere mich an einen ähnlichen Mangel kultureller Sensibilität bei manchen meiner Bekanntschaften in Ungarn und wünschte, ich hätte ein Rezept, Vorurteile und Ressentiments einfach auszuradieren. Mir fällt jedoch nichts anderes ein als Bildungsarbeit. Die wird laut Roman Čonka auch betrieben – aber weit kann es damit noch nicht sein, wenn junge Akademiker ein so eingeschränktes Bild von dieser großen Minderheit im eigenen Land haben.
Wir gehen anschließend ins Russinentheater. Die Russinen oder Ruthenen sind eine weitere Minderheit in der Slowakei und eine ostslavische Bevölkerungsgruppe, den Ukrainern verwandt. In dem kleinen Theater werden Stücke auf Ukrainisch und Russinisch gespielt. Der Herr vom Theater spricht ebenfalls russinisch mit uns – es hört sich an wie panslavisch, ein bisschen ukrainisch, ein bisschen russisch, ein bisschen polnisch, ein bisschen slowakisch. Ich schaue mir die Requisiten am Rand der Bühne an – ein Pferdekopf, Ritterrüstungen, ein Thron. Über der Bühne hängt ein verschlissener roter Vorhang, dahinter ein transparentes schwarzes Rollo mit einem Hügelmuster darauf. Der Scheinwerfer dahinter wirft sein fahles Licht auf die Bretter, die die Welt bedeuten.

Dolny Kubin / Oravska Dedina / Liptovsky Mikulas / Kezmarok

In Dolny Kubin kommen wir abends um 10 im Dunkeln an. Nach dem frühlingshaft warmen Wetter in Krakow ist die Kälte der Hohen Tatra beißend und durchdringend. Am nächsten Morgen werden wir davon geweckt, dass die Sonne unsere Nasenspitzen durchs Fenster kitzelt. Am Horizont liegen die schneebedeckten Berge.
Nachmittags besichtigen wir die Bibliothek des Stadtmuseums mit ihren alten Handschriften und Inkunabeln. Eine Lutherbibel liegt auf dem Ausstellungstisch, deren bloße Anwesenheit mich ganz nervös macht. Sie hat einen geprägten Schnitt, der in blassen Farben rot und blau ausgemalt ist. Die schweren Metallbeschläge auf dem wachsartigen Einband verleihen dem Buch eine uralte Würde. Ich kann meinen Blick darauf nur als ehrfurchtsvoll beschreiben.
Wir bekommen eine Führung auf dem Friedhof. Die Gräber der berühmten Persönlichkeiten sind hier ausgeschildert wie Sehenswürdigkeiten in einer Großstadt, dabei ist das Gelände ziemlich klein. Am Hang gelegen kann man vom Eingang aus den ganzen Friedhof überblicken. Direkt unterhalb verläuft eine große Straße. Der Lärm der vorbeibrausenden Autos ist an jedem Grab zu hören. Er stört den Frieden des Ortes. Trotzdem mag ich die Atmosphäre. Die kleinen Wege und die Gräber sind gerade so sehr verwildert, dass der Charme erhalten bleibt, der Friedhöfen eben eigen ist. Ein bisschen windschief und moosbewachsen. Es duftet nach Frühling.
Am nächsten Morgen brechen wir auf zur nächsten Station. Wir fahren zum Muzeum Oravskej Dediny. Die Straße führt durch eine neblige Landschaft, die ein bisschen trostlos ist. Im Somme, wenn die Felder grün sind, ist es sicher wunderschön. Jetzt ist alles grau und braun. Nur die Schneegipfel in der Ferne glitzern. Das letzte Stück der Straße hinter Zuberec ist von dichten schwarzen Nadelwäldern gesäumt. Beim Freilichtmuseum steigen wir aus. Die Luft ist hier ganz anders – Bergluft. Wir hören schon das Rauschen des Studeny Potok, des Gebirgsbaches, der durch das Dorf mit den vielen kleinen Holzhäusern fließt. Zwei riesenhafte Graugänse stehen stoisch auf dem kleinen Pfad. In den Häusern ist die originale Einrichtung erhalten. Dicke weiche Federbetten liegen auf den Fensterbrettern. Ein großer Webstuhl in einer Ecke des Zimmers, ein Spinnrad in der anderen. Hübsch bestickte Tischdecken auf den geschnitzten Holztischen. Gröbere Gerätschaften in der Nebenkammer. Die Ursprünglichkeit und die Ruhe des Ortes tut mir gut. Ich könnte hier viel Zeit verbringen. Ich freue mich über einen kurzen Moment der Stille am Eingang der Holzkirche aus dem 15. Jahrhundert. Die bunten Malereien an der Decke und am Geländer der Empore stimmen mich fröhlich und andächtig zugleich. Viel zu früh besteigen wir wieder den Bus nach Liptovsky Mikulas.
Hier bekommen wir eine Stadtführung mit dem Maler Jaroslav Uhel. Er zeigt uns die jüdische Synagoge, deren große Halle in einem schlechten Zustand ist, jedoch gerade durch die abblätternde Farbe die morbide Stimmung in mir hervorruft, die ich schon bei meinen ersten Polenaufenthalten so geliebt habe. Säulen aus rotem Marmor und blaue Ornamente an den Wänden werden durch goldene Verzierungen ergänzt, eine ähnliche Farbgebung wie der Schnitt der Lutherbibel in Dolny Kubin. Martin und Stefan singen zweistimmig ein Lied. Meshiach wird kummen. Mehr verstehe ich nicht, aber der Klang des Jiddischen hallt sanft in mir nach. Es hört sich so ewig an.
Anschließend dürfen wir mit in Herrn Uhels Atelier. Kaum durch die Tür getreten duftet es schon nach Ölfarben und Zigarettenrauch. Augenblicklich schlägt die Stimmung in heiter Ausgelassenheit um. Ehefrau und Tochter des Künstlers servieren Slivovica, Wein, Schafskäse und Baguetteschnittchen mit deftiger Wurst und Olive. Die Krönung: der Honigkuchen, süß und saftig. Uhel zeigt uns seine Kunstwerke und spricht über die Methoden und Konzepte seiner Kunst. Auf der Fensterbank steht ein Kakteenwald. Bananenkisten und Dutzende von Gemäden auf dem Fußboden. Tuben, Tiegel und Töpfe, Pinsel und Staffeleien auf dem riesigen Tapeziertisch, der fast das ganze Zimmer füllt. Wir dürfen alles anfassen, inmitten des kreativen Chaos sitzen wir dicht gedrängt auf mit Ölfarbe bemalten Holzstühlen, trinken und essen, rauchen und singen schließlich slavische Volkslieder aus voller Kehle. Das Leben ist bunt und leicht in diesem Moment.
Schon am nächsten Tag geht es weiter nach Kezmarok, sicherlich die schönste Stadt bis jetzt. Die kleinen bunten Bürgerhäuser in der Fußgängerzone erinnern mich an Ungarn. Die Burg steht stolz am Stadtrand. Unter den vielen Ausstellungsräumen finde ich die alte Apotheke mit ihren schweren dunklen Schränken am schönsten. Giftschränkchen und eine winzige homöopathische Hausapotheke, Waagen und viele viele kleine Glasflaschen in den Regalen. Wir besichtigen auch die beiden evangelischen Kirchen. Die neue imponiert durch ihre Größe, wirkt auf mich jedoch kühl und geradezu steril. Die kleine alte Holzkirche dagegen besticht durch ihre prachtvoll bemalten Wände. Sie wirkt fast gar nicht evangelisch, und doch fehlt der Pomp, der mich in katholischen Kirchen oft befremdet. Ich empfinde sie als einen zutiefst spirituellen Ort, der warm ist trotz der kalten Temparatur und der den Besucher sofort willkommen heißen will.
Abends stehen fast alle von uns auf der Hotelterasse und trinken miteinander Slivovica. Mit einer Gruppe von 17 Leuten ist es hier schon richtig voll. Ich spiele mit meinem Handy Musik und wir tanzen zu Goran Bregovic und Marek Grechuta. Es entwickeln sich Gespräche, die lustig und ernsthaft sind, die nachdenklich machen und zu lautem Lachen verleiten. Bis halb 1 stehen wir unter dem klaren Sternenhimmel und liegen uns zwischenzeitlich singend und tanzend alle in den Armen. Musik hat diese besondere Kraft, dass sie Menschen zusammenbringt. Es ist ein großes Glück, mit Gleichgesinnten ein neues Land zu entdecken.

Kraków

Als ich das erste Mal nach Kraków kam, war ich seit 13 Jahren nicht in Polen gewesen, lernte aber schon seit fast 2 Jahren die Sprache. Ich war aufgeregt und neugierig auf dieses Land, von dem ich nurmehr dunkle Erinnerungen an einen Kindheitsurlaub in mir trug, von dem ich mich aber doch entschieden hatte, es durch das Studium der Polonistik zu einem Teil meines Lebens zu machen. Damals stieg ich aus dem Bus vom Flughafen aus, direkt an den Planty, und lief den Kirchtuermen nach ich die Richtung, in der ich die Innenstadt vermutete. Mein Weg fuehrte mich ueber die Floriańska direkt auf den Rynek, den grossen Hauptmarkt. Meine Beine trugen mich, als kennten sie den Weg, als seien sie ihn schon hundertmal gelaufen. Maechtig ueberfiel mich ploetzlich das Gefuehl, als sei ich hier schon einmal gewesen. Ueberall war Musik. Bilder von Kaffeehaeusern mit schweren roten Samtvorhaengen zogen an meinem inneren Auge vorbei, wie ich sie spaeter im Cafe Singer in Kazimierz, dem alten juedischen Teil von Kraków, tatsaechlich erleben sollte. Es war als ob meine Seele die Stadt aus einem frueheren Leben wiedererkannte. Ich war auf eine seltsame Art und Weise nach hause gekommen.
Wenn mich heute Freunde fragen, warum ich diese Stadt so liebe, kann ich es nur mit dieser ersten Erfahrung begruenden. Ohnehin finde ich die Frage jedoch seltsam. Wie kann man Kraków nicht sofort ins Herz schliessen?
Ich komme erneut in Kraków an und die Sonne scheint, als wuerde sie dafuer bezahlt. Mit Paweł und Paulina setze ich mich auf dem Rynek in die Sonne und trinke Kaffee. Spaeter setzen Paulina und ich uns an die Wisła, die Weichsel, die unter dem Schlosshuegel ihre maechtige Kurve zieht und stolz und ruhig an uns vorbeifliesst, als koennte sie niemals grau und wild werden und ueber die Ufer treten. Ueber auf dem Wawel steht das Schloss mit der Kathedrale. Die Schoenheit greift mir ans Herz. Ich habe mich hier wirklich niemals fremd gefuehlt.
Abends gehen wir im Klezmer Hois in Kazimierz juedisch essen. Im Nebenraum beginnt ein Klezmerkonzert. Wir stellen uns in den Tuerrahmen und sehen verstohlen zu. Vor einem dunkelroten filigranen Vorhang mit goldenen Blattornamenten steht ein Kontrabassist, daneben sitzt ein Akkordeonspieler. Die dritte im Bunde ist eine junge Frau mit einer Geige. Sie spielen suess und schwungvoll, lebendig und melancholisch. Hava Nagila. Bei mir bist du scheen. Wenn die Frau ihre Geige absetzt, tut sie es, um die Harmonie der Instrumente um ihre Stimme zu bereichern. Sie ist tief und samten, wie dunkles Holz. Steinerne Saeulen, gehaekelte Spitzendeckchen. Die tiefe Stimme beginnt zu seufzen, hoch und jazzig, wie es im Klezmer sonst die Klarinette tut. Ich will auch seufzen. Kraków, du Zauberstadt.

Kreta

Aufstehen um 3 Uhr nachts. Taxi zum Flughafen um 4. Für diese Reiseplanung sind eindeutig meine Eltern verantwortlich. Es ist noch stockduster, als wir – das sind meine Eltern, meine Schwester Malaika und ich – das Abflugterminal erreichen. Nach dem Check-In haben wir noch viel Zeit. Ich suche einen Raucherbereich und finde einen vielleicht sechs Quadratmeter großen Glaskasten. Von außen sehen die Raucher darin aus wie Fische in einem Aquarium. Von innen ist es eine ganz fidele Gesellschaft, die sich hier versammelt hat. Ein Mann mittleren Alters von sicherlich 1,95m Körpergröße betritt den Glaswürfel kurz nach mir, und der Unterhaltungsfaktor steigt schlagartig. Er erklärt der ganzen Mannschaft mit einem südeuropäischen Akzent – italienisch vielleicht? – im Brustton der Überzeugung, dass wir Raucher mit der Tabaksteuer den Terrorkampf finanzieren und außerdem für die Rettung der deutschen Wirtschat verantwortlich sind, weil wir früher sterben und den Staat daher keine Rente kosten. Die Begegnung hebt meine Laune enorm, die Müdigkeit weicht einem stillen Amüsement und der Vorfreude auf Griechenland.
In Heraklion angekommen wird mir meine ambivalente Einstellung zum Fliegen klar. Ich mag das seltsame Ziehen im Bauch, wenn der Flieger abhebt. Mir ist immer, als bliebe ein Stück von mir am Boden, und ich stelle mir gerne vor, dass ich das zurücklasse, was mich gerade belastet. Mich fasziniert es, wenn ich aus dem Fenster schaue und Wolken nicht über mir, sondern unter mir sehe. Aber ich mag das Ankommen nicht. Es ist mir zu schnell, zu plötzlich. Mit Bus und Bahn kann ich erfassen, wie ich eine Distanz zurücklege. Ich bringe Abstand zwischen mich und den Ort, von dem ich aufgebrochen bin. Wenn ich in ein Flugzeug steige, verbringe ich nur ein paar Stunden in einem hermetisch abgeriegelten Raum und bin dann auf einmal da wo ich hin will, in der Regel ganz wo anders. Das überfordert mich ein bisschen. Ich habe jedoch hier in Heraklion gegen einen massiven Unterschied zum verregneten Hamburg nichts einzuwenden: Die Sonne scheint und es ist geradezu brüllend heiß. Am Busbahnhof ziehe ich mir die Jeans aus, die ich unter meinem Rock getragen habe.

Über Vrisses fahren wir mit dem Bus nach Chora Sfakion. Weiße und lila Bougainvilleas fallen ausladend von Balkons und Flachdächern an Häuserwänden herunter, um sich auf dem staubigen Boden auszubreiten wie Teppiche. Am diesigen Horizont liegen die Berge wie voreinandergeschichtet in schwarzen Silhouetten. Sie sehen aus wie das Titelbild zu einem Phantasy-Roman. Endlich das Meer – weit und blau, wie es nur das Mittelmeer ist. Von Chora Sfakion an der Südküste Kretas nehmen wir die Fähre nach Loutro.

Wir sind in einer entzückenden Pension untergekommen, in der meine Eltern schon einmal vor zwei Jahren waren. Sie liegt an demjenigen Ende der Bucht, die am weitesten vom Fähranleger entfernt ist. Wir stapfen die Uferpromenade entlang und laufen dabei quasi durch jedes einzelne Restaurant in dem kleinen Örtchen hindurch. In Loutro gibt es keine Straße und keine Autos. Nur weiße Häuser mit blauen Türen und Fensterrahmen kuscheln sich an den Hang, verbunden von Treppen mit unregelmäßig hohen Stufen und kleinen Kopfsteinpflastergässchen. Von unserem Balkon können wir alles überblicken, was es hier gibt. Das ist vor allem: Meer. Auf der Fährfahrt war das Meer auf der Landseite preußisch blau, seewärts war es silberglitzernd. Nun vom Balkon aus ist es zum Strand hin türkis oder dunkelgrün, zum Horizont hin funkelt es rosarot dem Sonnenuntergang entgegen.
Meine Schwester Martina kommt einen Abend später in Loutro an. Nun sind wir komplett. Am Morgen darauf wandern wir zu fünft eine Stunde an der Küste entlang zum Strand von Glyka Nera. Ich wundere mich über seltsame Knollen im Boden, auf die ich ständig aus Versehen drauftrete und die aussehen wie getrocknete Rosenblüten.
Mami erklärt mir, dass es sich dabei um Meerzwiebeln handelt und zeigt mir eine, die schon keimt. Ihr Stengel schnellt ehrgeizig empor und sieht mit seiner lustigen Spitze aus wie ein kleines Minarett. Am Weg wächst auch Lavendel, den ich zwischen den Fingern zerreibe. Ich muss an Piran in Slowenien denken, wo der Duft von frischer Pfefferminze überall durch die kleinen Straßen zog. Abgesehen von dieser spärlichen Vegetation ist die Landschaft ausgesprochen karg. Die Steilküste ragt abweisend und graubraun neben uns gen Himmel. Umso intensiver ist die Farbe des Meeres.
Glyka Nera bedeutet Süßes Wasser. Hier fließen kalte Süßwasserquellen ins Mittelmeer, und wenn ich schwimmen gehe, werde ich immer wieder unvorbereitet von kalten Strömungen erfasst, die ein Stück unter der Wasseroberfläche ihr Unwesen treiben. Ich lese wie eine Wahnsinnige, trinke nachmittags einen Frappé in dem kleinen Strandcafé, unterhalte mich zwischendurch ein bisschen mit meinen Schwestern und schaue auch einmal einfach nur auf das Meer und lasse meine Gedanken schweifen. Ich war schon einmal mit meiner Familie auf Kreta, 1994. Hier mit allen am Strand zu liegen kommt mir so vertraut vor, dass ich versucht bin zu denken, es hätte sich fast nichts verändert. Meine Haare locken sich viel mehr als gewöhnlich, das liegt am Salzwasser. Sie fallen mir widerspenstig ins Gesicht. Meine Haut ist braun und duftet nach Salz und Sonnencreme. Familienurlaub wie immer. Aber ganz anders.
Morgens frühstücken wir auf dem Balkon griechischen Joghurt mit Honig und Tomatenbrot mit Feta. Abends gehen wir an der Uferpromenade essen. Wir bestellen jedes Mal vorweg einen Choriatiki (griechischen Salat aus Gurke, Tomate, Paprika, Oliven und Feta-Käse), einen Tzatiki, einmal Dakos (eine Art griechische Bruschetta: Tomate auf doppelt gebackenem harten Brot mit Fetakäse) und einen Saganaki (gebackenen Fetakäse) und hinterher verschiedene Hauptgerichte. Jeder isst bei jedem mit.
Wir wandern durch die Imbros-Schlucht. Da ein leichter Wind weht und die Felswände viel Schatten spenden, ist das ein herrliches Erlebnis. Das Gestein ist lustig gemustert, unterschiedlich farbige Schichten malen Streifen auf die Steine, als hätte jemand dort nachgeholfen. Hier blühen auch die Meerzwiebeln schon. Ihre weißen Blütenkerzen erinnern sehen bescheiden und schüchtern aus. Am Grunde der Schlucht gibt es auch immer wieder Bäume, der Weg ist deutlich abwechslungsreicher als der nach Glyka Nera. Man kann deutlich sehen, dass man in einem Flussbett wandert, mächtige Wackersteine lösen kleine Kiesel ab und ich stelle mir vor, wie hier ein fröhlicher Gebirgsbach zu einem reißenden Strom wird und sich seinen Weg bahnt ohne Rücksicht auf Verluste. Mitunter liegt ein Baumstamm quer, ausgetrocknet. Jeder noch so kleine Wassertropfen würde vermutlich gierig von dem toten Holz verschlungen werden, und brennen würde es wie Zunder. Es hat einen eigentümlichen Geruch. Am Ende der Schlucht besteigen wir einen Wagen, der uns nach Chora Sfakion zur Fähre zurückbringt. Wir sitzen auf der Ladefdläche und lassen uns auf der Serpentinen-Straße den Wind um die Nase wehen.
Der Weg nach Marmara gestaltet sich unbequemer. Die Sonne brennt, und der Untergrund ist uneben und muss nicht selten erklettert werden. Malaika und ich entscheiden uns an einer Weggabelung für den vermeintlich einfacheren Weg – sie wegen ihrer Schwangerschaft, ich wegen meines Asthmas. Laut Mami ist es ganz einfach: immer geradeaus und dann sieht man schon den Wanderweg. Wir landen nach einer Weile „immer geradeaus“ am oberen Ende einer steilen Felswand. Wir sind auf den Rand der Aradena-Schlucht gestoßen. Hinunter geht es hier auf keinen Fall, in den Abgrund zu schauen löst einen gewissen Nervenkitzel bei mir aus. Es geht so jäh und radikal nach unten, die Kante ist geradezu scharf. Um die Felsen, auf denen wir stehen, spielt roter Sand, die Schlucht wirkt ungezähmter, wilder als die Imbros-Schlucht. Wir müssen zurück und finden mit ein paar anderen Wanderern gemeinsam den versteckten Wanderweg zurück zum Meeresstrand.
In der Marmara-Bucht – Marmorgestein, weiß und glatt gespült von den Wellen. Der Strand ist schwarz, darauf zu laufen tut an den Füßen weh, weil die Kiesel heiß und unförmig sind. Schwimmt man an der Küste entlang findet man winzige Einbuchtungen, die das Meer ins Gestein geformt haben muss. Wenn Wellen dort anschlagen, hört man nicht nur das Geräusch des Wassers, sondern auch das Klirren von Kieseln, die vom Wasser an den Stein geschleudert werden und mit dem Zurückweichen der Welle langsam wieder Richtung Meeresgrund rieseln. Einzelne Wolken werfen riesige Schattenungetüme auf die Berge der Steilküste.
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Ich muss eine Weile allein sein und spaziere in Loutro zum Fähranleger und darüber hinaus zur kleinen Ruine am Ende der Bucht. Ich bemerke, dass es mir schwerer fällt, zu beobachten, welche Wirkung ein Ort auf mich hat, wenn vertraute Menschen um mich sind, selbst wenn wir nicht reden. Ich sitze dort auf den Felsen und fühle, wie meine gebräunte Haut warm ist von der Sommersonne, genau wie die weißen staubigen Felsen auf denen ich sitze. Wo die Steine nass sind, sind sie schwarz, umspült von Gischt. Der Horizont bildet eine Linie, die gleichzeitig gerade und rund ist. Ein kleines gelbes Kajak treibt als Farbtupfer an mir vorbei. Meine Eltern haben uns beigebracht, solche Orte zu lieben.

Homecoming – Worldviewing

Looking back on the last five months, everything seems a bit unreal. It seems unreal that in March I sat in Kathrin’s apartment in Berlin and she did tarot cards for me. That in April I took my first swim of the year in the Adriatic. That in May I slept on a beach in Albania. That in June I roamed the streets of Istanbul. And that just a few weeks ago in July I had coffee on a small market square in Kosovo. It even seems unreal that now I am writing these lines in Munich. Is it quite possible that all of that was me? Or was I a different person in all of these situations? I cannot seem to quit re-traveling all of the places I have seen in my mind. I have written out the list of countries I visited in my travel journal maybe a dozen times. To me it is precious beyond words.When I took stock at half time, in Albania, I wrote about what I have gained on this trip and through this trip. I have lost a few things as well. Two t-shirts. Quite a bit of weight. A ring. A tiny part of each of my ears for two new ear piercings. The key to one of the hostels. My long hair. My fear of public transport in strange countries. My clearly cut out career plan. The urge to be in control of my life – that might be the most important one.
Paragliding, Tribalj, Croatia
When you travel the way I did it, you quickly notice that nothing can be controlled. Plans never stick. And why would I forcefully hang on to a plan if what life has in store for me offers new, maybe better opportunities? I always thought I was flexible. Now I think that I didn’t know what flexibility was before I traveled. I will never cease to make plans – but what I learned on my trip is to enjoy the moment when a plan fails because it has been replaced by a new, maybe a better plan. A plan is not a law by nature. It is supposed to guide you to a destination. The less clearly defined this destination is, the more enjoyable it is to move between shifting plans and pick the one that suits the circumstances the best. And what my trip has also taught me, literally and figuratively, is that you always arrive somewhere. It may not be your favorite place – well, then you can pack your bags and leave. It may be the best thing that ever happened to you – well, stay and enjoy it for a while. This goes for a journey and for life.
I feel like I have lost a lot of heavy baggage and exchanged it for a myriad of experiences that are light to carry, but have an immense impact on my life. Every now and then pictures come to my mind out of nowhere, memories of pure bliss. People have asked me a lot as of lately if I never had a really bad experience. Of course there have been the occasional rip-offs by taxidrivers or the obligatory ignorant people in hostels, and the asthma attack on the bus between Berat and Saranda in Albania wasn’t my favorite moment of them all. I wouldn’t want to miss any of that. In fact it is almost scary how smoothly everything went.
My Backpack
Yes, there were moments when I was unhappy. However, there have been infinitely more moments when I was unhappy in my life in Germany. Did that make me want to leave the country? It did not. Neither did the tough situations on my trip make me want to come home. I was never homesick. But then I feel that being homesick is just not a disposition of mine. I know home is always there waiting for me. And isn’t home more than anything else a place where there are people that I love and that love me? I am in the fortunate position to have such a place, in fact I have more than one. And now, after my trip, the number has risen once more. Yet again, the world has become a little bit smaller, and that is because of two reasons:
Wine and laundry, Maribor, Slovenia Firstly, I have friends in the Balkans now that I know will welcome me again at any given time, people who I will see again in a nearer or more distant future that I share a special connection with. They have shared their lives with me and helped me to approach this region that I am fascinated by and that I have come to love with all my heart and soul. I truly wish to welcome them in my world one day and allow them to see why it is that I love my home country as well. My last couchsurfing host Nina, upon me singing „Đurđevdan“ in her yard by the fire, said: „You have strange hobbies for a German girl. Shouldn’t you be working in a Hypo Bank and have a boyfriend that you just see once a week?“ There is lots to learn about Germany. Now that I am back here, I appreciate on a deeper level what it has to offer. I can be a traveler inside my own country, recognize and acknowledge its beauty and share it with other people.
Secondly, meeting people from all over the world has put places on the map that I didn’t know of before and that now I want to visit. Traveling has put me in touch with people from backgrounds that are very different from mine. There is an infinity of lifestyles to discover, and my trip has enabled me to get a vague idea of some of them that I want to understand more thoroughly. It has also restored my faith in the fact that there are many many good people in this world. There are a lot of bad ones too, but why focus on that when I know that there are so many places in this world where I have never been to and where I will be welcomed by friends that are willing to let me be part of their lives?
The people, in the end, are what made my trip what it was. All my couchsurfing hosts, all my travel buddies, all the wonderful travelers I met at hostels, all the hostel staff. Places supplied me with beauty, with atmosphere, with a feeling of being at home. The people I met gave me life in all its richest form. I have too many to thank to mention them all here. I am extremely lucky.
Keeping Bridges in Veliko Tarnovo, Bulgaria
What will happen to me now? Where will I go, what will I do? I do have a plan. It is rather vague, it may be more of a bunch of ideas than an actual plan, and a few months ago with a plan like mine I would have felt lost, like I was without orientation in a confusing world without anything to hold on to, swimming in an ocean without control over the force of nature. How important perspective is! I now feel like I can surf the waves on that ocean with ease and that they will bring me to a new shore that is mine to explore. I do hope that this feeling will last and that returning to a daily routine, to artificial lights in libraries and to a cold grey German winter, will not steal this energy from me too fast. But when life puts me down, I know what to do. I have to get on the road again. Because the road is where I can find myself.I have always loved the last scene of the movie „American Beauty“. I love it more then ever now because it comprises the feeling that I have come back to Germany with. To all the people that made my journey what it was, I wish that they will at one point in their lives experience the feeling of fully understanding this quote:

„It’s hard to stay mad when there’s so much beauty in the world. Sometimes I feel like I’m seeing it all at once, and it’s too much. My heart fills up like a balloon that’s about to burst. And then I remember to relax, and stop trying to hold on to it. And then it flows through me like rain. And I can’t feel anything but gratitude for every single moment of my stupid little life.“

München

Meine Reise hat entweder vier oder fünf Monate gedauert, je nachdem wie ich zähle. Wenn ich Berlin und München dazurechne sind es fünf. Ausser Landes sind es vier. Da ich aber wirklich zu der festen Überzeugung gelangt bin, dass Reisen weniger vom Ort bestimmt wird als vielmehr von der Sichtweise des Reisenden auf seine Umgebung, bin ich mehr als bereit, die längere Definition als die gültige anzuerkennen, und deswegen bekommt auch München noch einen Eintrag auf meinem Blog.

Ich sitze morgens am Sendlinger-Tor-Platz und trinke Kaffee. Die Sonne scheint, und der Blick auf den roten Backstein des Sendlinger Tors versichert mir, dass ich wieder zuhause bin. Alles ist plötzlich auffallend deutsch. Die Architektur. Die Sprache. Das Verkehrssystem. Die etwas ruppige, aber durchaus freundliche Kellnerin im Dirndl – na gut, die ist vielleicht eher nicht typisch deutsch, sondern vor allem, gewollt, typisch bayrisch. Es sind viel weniger Menschen unterwegs als in den großen Städten des Balkans an ähnlichen Orten. Da fällt mir erst wieder ein, wie es mich am Anfang in Kroatien fasziniert hat, dass anscheinend alle ständig Zeit haben, in Cafés zu sitzen und Zeit totzuschlagen. Hier ist das eher ein Luxus als ein naturgegebenes Lebensgefühl.
Ich kaufe eine Brezel beim Bäcker in der U-Bahn-Station. Der Verkäufer kassiert, dreht sich zu seinem Kollegen um und sagt etwas auf kroatisch. Dann dreht er sich noch einmal zu mir und sagt: „Tschüss!“ und ich antworte: „Prijatno!“ Mir fehlt die Sprache. Sie ist so wunderschön. Meine Zunge und mein Mund haben sich noch nicht wieder ans Deutsche gewöhnt.

In München ist es kalt und regnerisch. In meiner Erinnerung habe ich auf der Reise nur selten schlechtes Wetter gehabt. Wenn ich meine Photos sortiere sehe ich, dass das gar nicht unbedingt stimmt, vor allem am Anfang, im April, ist da viel grauer Himmel. Der Unterschied liegt darin, dass mich schlechtes Wetter dort nie davon abgehalten hat, durch die fremde Stadt zu laufen und alles zu entdecken. Warum sollte ich also in München bei Regen in Julchens Wohnung sitzen und nicht durch die bayrische Hauptstadt schlendern?
Am Marienplatz frühstücke ich Müsli und Chai Latte. Ein teures Vergnügen, aber ich gebe zu, so ein gutes Müsli habe ich mir das ein oder andere Mal statt des Bureks zum Frühstück herbeigesehnt. Es giesst in Strömen. Vor dem Hugendubel steht eine reihe grosser blauer Terassenschirme, die im stürmischen Wind gefährlich schwanken. Plötzlich fallen sie alle um. Menschen, die darunter Schutz vor dem Regen gesucht haben, hoppeln erschreckt zur Seite. Eine Kellnerin rast aus dem zugehörigen Restaurant und versucht, die abtrünnigen Ungeheuer wieder aufzurichten. Die Passanten stehen entweder unbeholfen herum oder ziehen hilflos an den Schirmen, anstatt dass sie der Kellnerin helfen, den Mast gerade zu bekommen. Ich verspüre den Drang, hinüberzurennen und anzupacken, aber vermutlich denken sie in meinem Café dann, dass ich die Zeche prellen will. Ein bisschen unpraktisch kommt mir dieses Land vor. Gedankenverloren streift mein Blick hoch zum Rathaus. Deutschland. Unpraktisch vielleicht. Aber schön. Ehrwürdig.

Der Regen hält an und ich entscheide mich, ins Deutsche Museum zu gehen. Ich bin eigentlich nicht so der Museumsmensch, aber das Deutsche Museum ist ja so eins, wo man, wenn man meinen Eltern glauben darf, „mal gewesen sein muss“. Schon die Eingangshalle ist beeindruckend, und ich freue mich über den saftigen Studentenrabatt. Segelkunst, Flugtechnik, Raumfahrt. Und meine Lieblingsabteilung ist doch wieder, wenig überraschend, eine schöngeistige: Musikinstrumente! Ich könnte stundenlang da sitzen und mir die Cembali und die gitarrenartigen Seiteninstrumente aus aller Herren Länder anschauen. Da ist so viel Seele in diesem Raum! Über den Vitrinen thront eine Orgel, die gerade gestimmt wird. Als sie damit fertig sind, spielt der eine Stimmer kurz „Heilig, heilig, heilig“ an. Das habe ich mit meinem Chor in Greifswald gesungen. Die Orgel spielt nur die ersten paar Takte, aber ich singe leise für mich weiter. Es ist eine getragene, eine demütige Melodie, die nichts mit der stolzen Lebensfreude der Balkanmusik zu tun hat, die mich nun so lange begleitet hat. Ich werde mir die Vergleiche so schnell nicht abgewöhnen können. Dadurch reflektiere ich aber auch die deutsche Kultur wieder ganz anders. Die Schönheit des Balkans habe ich, gerade durch das Schreiben, immer zu benennen versucht und ich denke, das ist mir oft gelungen. Nun sehe ich mich gezwungen, auch die Schönheit Deutschlands zu benennen und das fällt mir wesentlich schwerer. Ich will Deutschland mit den Augen des Reisenden zu betrachten versuchen.

Julchen und ich fahren raus nach Großhelfendorf, um die Familie zu besuchen. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Haus meines Onkels kommen wir an einem Zaun vorbei, hinter dem ein kleines Hasengitter steht. „Wir freuen uns über Löwenzahn“ steht auf einem von Kinderhand gemalten Schild am Zaun. Großhelfendorf ist Dorfidylle. In der Ferne ragen dunkel die Alpen am Horizont auf. Die Felder leuchten in tausend verschiedenen Grüntönen. Bei meinem Onkel im Garten gibt es Apfel- und Pflaumenkuchen zum Kaffeetrinken. Heile Welt. Ich erzähle viel von meiner Reise und je länger ich darüber rede, desto weiter entfernt kommt mir das alles vor. Bin das wirklich ich gewesen, die das alles erlebt hat?
Abends zurück in München zwischen Stachus und Marienplatz stehen Julchen und ich und schauen Straßenmusikern zu. Ich erinnere mich an Istanbul, an Taksim. Auch hier ist eine große Vielfalt, eine große Bandbreite verschiedener Stile und Qualität zu beobachten. Es ist lebendig und schön. Mir gefällt München plötzlich. Ich bin schon öfter hier gewesen, aber richtig warm geworden bin ich mit der Stadt bisher nie. Jetzt, da ich ein bisschen mehr Zeit hier verbringe und ihr nach all den Reiseerfahrungen so viel wohlwollender gegenübertrete, habe ich sie ganz gern. Sie ist sehr sauber und aufgeräumt. Aber warum muss das eigentlich was Schlechtes sein?

Am Sonntag fahre ich mit Rene, Lou und Jesus, die ich in Sofia im Hostel kennengelernt habe, an den Unterfoehringer See. Jesus hat seine Schwester mit ihren Kindern zu Besuch, und es kommen noch mehr Freunde dazu, so dass wir schliesslich eine Gruppe von 11 Leuten mit deutscher, irischer, namibischer, hollaendischer, polnischer und spanischer Beteiligung sind. Ich fuehle mich fast wieder wie auf Reisen. Viele Kinder sind dabei, die Kleinste ist erst 1 1/2 und ein so entzueckendes Kind, dass alle ganz in sie verliebt sind. Wir spielen Knack, Tischtennis und Federball und schwimmen im gruenen See. Gegen Abend leert es sich, als wir zusammenpacken sind kaum noch Menschen da. Es ist so friedlich und die Stimmung um den See ist so sehr wie aus einem Moerike-Gedicht geklaut, dass es mir fast die Traenen in die Augen treibt. Ich bin froh, dass die Gluecksmomente nach der Reise nicht abreissen.

Eine Woche habe ich jetzt noch hier, bevor ich nach Tuebingen fahre und beginne, mich wieder um Dinge zu kuemmern, die etwas mit der realen Welt zu tun haben. Ein letzter Eintrag steht noch aus, in dem ich noch einmal Bilanz ziehen will. Ans Bloggen habe ich mich so sehr gewoehnt, dass ich damit auch nach der Reise nicht aufhoeren will. Es wird also weiter Dinge von mir zu lesen geben. Ueber die neue Blogadresse werde ich beizeiten informieren und ich freue mich, wenn ihr mich weiterhin gerne lest.

Makarska / Rijeka / Maribor

Tatsaechlich breche ich schliesslich aus Mostar auf und es faellt mir leichter als erwartet. Bata und ich nehmen uns zum Abschied in den Arm und er sagt nur schlicht: „Well, you’ll be back!“ – wie er das beim letzten Mal auch schon getan hat. Dieses Mal weiss ich noch nicht, wann das sein wird, das Wiederkommen. Aber ich weiss, dass er recht hat. Majda faehrt mich zum Bahnhof. Eigentlich wollen wir noch einen Kaffee zusammen trinken, aber dann kommt mein Bus frueher als erwartet und alles geht Hals ueber Kopf. Eine kurze Umarmung, ein schnelles Dankeschoen. Sie weiss ja auch ohne viele Worte, wieviel mir Mostar bedeutet und wie gerne ich dort bin.

Der Bus nach Makarska ist voellig ueberfuellt, an einem Samstag wollen alle ans Meer. Wir verlassen Bosniens sanfte gruene Huegel und erreichen die kargeren, wilderen Berge Kroatiens – und schliesslich faellt mein Blick wieder auf die Adria. Wir fahren ein ganzes Stueck die Kuestenstrasse entlang. Sie ist zauberhaft, waeren da nicht nahe jeder noch so kleinen Siedlung voellig ueberfuellte Straende. Ich erreiche das Hostel ohne Probleme und mache mich gleich auf den Weg zum Strand. Ich finde kaum einen Platz um mein Handtuch abzulegen, ich will es ja noch nicht einmal ausbreiten, aber die Menschen liegen dort dicht an dicht, es finden sich kaum ein paar Quadratzentimeter freie Flaeche. Aber ich muss doch kurz ins Wasser springen. Das tue ich dann auch, und es ist so warm, dass es eigentlich gar nicht erfrischend ist. Ich bin ja jetzt das 10 Grad kalte Wasser der Neretva gewoehnt. Seltsam, denke ich, dass fuer die meisten Menschen an diesem Strand diese Situation das Herzstueck ihres Urlaubs ausmacht. Mir kommt sie im Kontext meiner Reise seltsam deplaziert vor. Makarska ist ein Ort fuer Touristen, kein Ort fuer Reisende.
Ich laufe, noch nass vom Salzwasser, zum Ortskern. Der ist nun wieder wirklich entzueckend, und auch nicht so ueberfuellt, wer weiss wo die Touristen alle zum Abendessen hingehen. Ich finde direkt am Marktplatz ein kleines Buchcafe. Dort sitze ich, trinke Cappuccino und schaue mir den hellen Markt mit den vielen Gebaeuden aus weissem Stein an, der so typisch dalmatinisch ist, dass ich mich in Gedanken an den Beginn meiner Reise verliere – Zadar, Šibenik, Split und Vis, sie ziehen vor meinem inneren Auge vorbei und ich kann nicht glauben, dass das erst oder schon drei Monate her ist.
Den naechsten Tag verbringe ich etwas abseits der schlimmsten Fuelle am immer noch reichlich gut besuchten Strand. Abends kommt Stu aus Schottland im Hostel an, die ich in Mostar kennengelernt habe. Es ist schoen, weiter Gesellschaft zu haben. Am Tag darauf machen wir eine Bootstour nach Brač und Hvar. Es gibt viel kostenlosen Alkohol, Musik aus den Neunzigern – das ganze Boot tanzt, sicher 100 Leute -, herrliche Ausblicke auf huebsche Staedtchen am Ufer und zweimal Landgang: Einmal in Jelsa auf Hvar und einmal in Bol auf Brač. Auf der Rueckfahrt nach Makarska spielt der Kapitaen „Miljacka“ von Halid Bešlić, dem bosnischen King of Folk – das Lied laeuft immer auf Batas Tagestouren in Mostar. Stu und ich fangen an zu tanzen und ich muss natuerlich mitsingen. Ein Crewmitglied hoert mich, nimmt mich an die Hand und bringt mich ins Kapitaenshaeuschen, wo ich den zweiten Teil des Liedes ins Mikrophon singe. Singen macht mich gluecklich.

Richtig warm werde ich mit Makarska nicht. Stus Gesellschaft macht den Aufenthalt dort zu dem, was er ist – lustig und unbeschwert. Ich bin aber nicht traurig, als ich schliesslich im Nachtbus nach Rijeka sitze. In der Abenddaemmerung fahren wir an Split vorbei. Das Licht taucht die Stadt in ein goldenes Licht. In mir schmilzt etwas. Ich fuehle mich so zuhause in den Laendern des Balkans… Ich komme nachts um 4 in Rijeka an und falle einfach nur bei meinen Couchsurfern auf die Couch und schlafe.
Ich couchsurfe eigentlich mit Nina, aber widrige Umstaende haben Nina selbst, ihren Freund Željko, eine Gruppe von fuenf litauischen Couchsurfern, zwei weitere deutsche und einen aus Israel in das Haus von Ninas Kumpel Martin am Stadtrand verschlagen. Da verbringen wir nun die Tage und Naechte im Garten mit Grill, Gitarre und guten Gespraechen.
Am ersten Tag fragt Nina mich, ob ich Lust habe, Paragliden zu gehen. Ihr Kumpel Davor bietet fuer wenig Geld Tandemspruenge im Učka Gebirge an. Sofort sage ich ja. Ich wollte schon immer paragliden. Davor holt mich und die zwei anderen Deutschen nachmittags ab und faehrt mit uns nach Tribalj. Die Fahrt hoch zum Startplatz ist abenteuerlich, die Strasse steil und schmal, das Auto alt und klapprig. Ovo je Balkan… Davors Gleitschirm ist gelb und orange und wunderschoen. Er schnallt mir den Sitz um und hilft mir mit dem Helm. Anlaufen ueber das Felsgeroell am Berghang, Davor dicht hinter mir. „Run! Run run run!“ Ich bemerke kaum, wie wir abheben, es ist sanft und sicher und ueberhaut nicht gruselig. Und dann fliegen wir. Unter uns breitet sich die Kvarner Kueste aus – Meer und Huegel, blauer Himmel und Wind. Ich habe viel mehr Rausch erwartet, es ist so friedlich und ruhig. Wir werden eins mit der Natur, die uns umgibt und nutzen ihre Gaben – den Wind und die Luftstroeme – ohne ihr weh zu tun. Ein meditativer Sport. Ein aesthetischer Sport. Balsam fuer die Seele. Sogar die Landung ist fast weich, und es fuehlt sich surreal an, dass ich vor wenigen Minuten noch auf ueber 1000 Meter Hoehe durch den Himmel geschwebt bin. Aber auch die Erde fuehlt sich jetzt friedvoller an. Die Bergwiese duftet nach Sommer. Das habe ich auf keinen Fall zum letzten Mal gemacht.
Am Tag darauf holt Roni, mein Couchsurfer von meinem ersten Besuch in Rijeka, mich mit dem Auto ab und wir fahren nach Fužine. Es ist als kaeme ich nach Oesterreich. Suesse kleine Haeuser mit Blumenkaesten an den Fenstern und ein See, an dem wir spazierengehen und uns austauschen ueber alles, was in den letzten Monaten passiert ist. Roni bekommt einen Anruf und sagt: „Jesam ovde sa prijatelicom…“ – „Ich bin hier mit einer Freundin…“ Als ich das letzte Mal da war war ich am Telephon noch eine „Couchsurferica“. Jetzt bin ich eine Freundin. Das macht mich gluecklich.
Spaeter liefert Roni mich in Kostrena am Strand bei der ganzen Gruppe um Nina ab. Die Sonne geht gerade unter, und das Abendlicht verwandelt die Adria in einen Teppich aus blauen, grauen, goldenen, orangenen und gelben Farbtoenen, der immer dunkler wird, bis schliesslich das Mondlicht die Sonne abloest und silberweiss auf dem Wasser tanzt. Ein letztes Mal auf dieser Reise springe ich ins salzige Wasser. Ich fuehle mich frei.

Am naechsten Morgen nehme ich den Zug nach Maribor. Auch hier besuche ich nicht Bekannte, sondern Freunde. Mojca und ich sitzen stundenlang auf ihrem Balkon, trinken Wein, Tilen kommt zu besuch und kocht phantastisches Essen, wir malen mit Oelfarben Bilder, schauen, meine Photos an. Es kommt mir gar nicht so vor, als ob ich erst einmal hier gewesen waere und auch nicht als waeren das damals nur zwei Tage gewesen. Slowenien ist schon wieder sehr aufgeraeumt. Die Leute halten hier am Zebrastreifen fuer Fussgaenger an! Voellig verrueckt! Es ist wohl eine gute Einstimmung auf zuhause. Heute vor vier Monaten bin ich in Berlin in den Zug nach Wien gestiegen. Heute abend steige ich in Maribor in den Zug nach Muenchen. Ich fuehle mich nicht am Ende meiner Reise. Ich fuehle mich in der Mitte des grossen Abenteuers, das Leben heisst.

…but you can never leave…

Ich versuche, Mostar zu verlassen. Ich versuche es wirklich. Es ist schwer. Majdas Hostel ist mein Hotel California.

Wir haben zwei Maedchen aus Malaysia im Hostel. Sie kommen spaet am abend an und sind sehr hungrig. Majda erklaert ihnen den Stadtplan und gibt Restaurant-Tipps – wie immer die besten Orte fuer Burek und Čevapi und das legendaere Hindin Han mit dem phantastischen Hummer-Kebab fuer 7 Euro. Eines der beiden Maedchen fragt: „Is the food here all halal?“ Majda sagt: „I will explain you.“ Sie zeiget auf die grosse Strasse, die einst im Krieg die Frontlinie markiert hat. „On this side is all halal…“ – ihre Hand faehrt auf der Karte ueber die Ostseite der Strasse, den bosnischen Teil von Mostar- „… and on this side is not.“ Das ist die Westseite, der kroatische Teil. Es ist bizarr, dass sie nicht einzelne Orte aufzeigen muss, sondern dass die Frage nach halal und nicht halal erneut die Spaltung der Stadt aufzeigt. Als ich in Sarajevo war, hat mein tuerkischer Couchsurfing-Gastgeber Nagy mir erzaehlt, dass er dort nur vegetarisch isst. Er hat Geschichten gehoert, dass kroatische und serbische Restaurantbesitzer manchmal heimlich Schweinefleisch in ihre Čevapi oder ihren Burek geben, um den Moslems eins auszuwischen. Bata sagt: Nichts in diesem Land ist Zufall. Alles ist ein Politikum. Auch das Essen.

Es ist so heiss, dass es fast nicht auszuhalten ist. Majda misst neulich mittags auf ihrem Balkon 47 Grad. Wir verbringen die Tage am Ufer der Neretva und springen ab und zu von einem Felsvorsprung ins Wasser. Es ist so um die 10 Grad warm. Die Stroemung treibt uns ein paar Meter flussabwaerts, wo wir wieder an Land schwimmen und innerhalb von Minuten wieder trocken sind. Ich werde immer brauner, wenn ich wiederkomme werde ich aussehen wie eine Zigeunerin. Stefan hat ein Photo von mir gesehen, auf dem ich ein Kopftuch trage, und es kommentiert mit den Worten: „Ti ćeš nam se vratiti kao prava Bosanka! :)“ – Du wirst uns als echte Bosnierin zurueckkommen. Ich hoffe, dass das zumindest ein bisschen stimmt.
In Novi Sad in Lazars Kueche teilen wir ein Glas Ajvar, eine Art Chutney aus Paprika und Aubergine. Das Glas ist fast leer, Lazar versucht mit dem Loeffel das letzte bisschen herauszukratzen. Ich sage zu ihm: „Just turn the spoon around, the end is more narrow, you will get more stuff out of the glas.“ Er guckt mich fast fassungslos an. „You blend in very well here.“ In Niš im Hostel sitze ich mit der Belegschaft in der Raucherecke. Der Chef wird ans Telephon gerufen und kommt nicht wieder. Seine Zigarette brennt langsam herunter. Ich nehme sie mir und sage: „Vlad won’t finish this, so I might as well.“ Sein Kollege schuettelt den Kopf und sagt: „When you come back to Germany, they will not let you in. They will think you are Serbian.“ In Mostar am Tag bevor ich abreisen will erzaehlt Bata mir von einem Konzert einer lokalen Folk-Band, von der er meint, dass sie mir gut gefallen wuerde. Das Konzert ist erst am Abend darauf. Ich verlaengere meinen Aufenthalt um noch eine Nacht. Bata sagt: „I can drive you there, but not back. But you’re almost local. You just get to know other locals, you know, ‚dje si legendo‘, they will take you home.“ Ich fuehle mich im Lebensgefuehl des Balkans aufgehoben.

Das Konzert findet in einem Freibad in der Naehe von Blagaj statt. Die Band heisst Mostar Sevdah Reunion. Sevdah ist ein tuerkisches Lehnwort im Bosnischen und bedeutet Melancholie. Es handelt sich dabei um eine spezifisch bosnische Form von Folk, die in den anderen Laendern des frueheren Jugoslawien so nicht existiert. Sie nenne Sevdah auch Bosnischen Blues. Die Mostar Sevdah Renunion ist eine Band, die verschiedene Ethnien, Religionen und Altersklassen vereint. Auf der kleinen Buehne unter dem sternenuebersaeten Himmel spielen ein Schlagzeug, zwei Gitarren, ein Bass, ein Akkordeon, eine Klarinette und eine Geige mit dem Saenger, der schon 77 Jahre alt ist und aus Mostar kommt. Wir tanzen bis spaet in die Nacht zu den sehnsuchtsvollen, lebenslustigen Klaengen der Musik. Was fuer ein Abschied von Mostar! Eine Kostprobe gibt es hier.

Reisefuesse, Reisehaende

Wenn ich meine Fuesse anschaue, denke ich daran, ueber wieviele Boeden die jetzt gelaufen sind. Teppich, Linoleum, Laminat, Dielen und Parkett in zahlreichen Wohnungen und Haeusern von gastfreundlichen Couchsurfern. Kieselsteine an Albaniens Straenden. Zersplittertes Glas im Sniper’s Nest in Mostar. Gras im Park von Maribor und in Belgrads Burg Kalemegdan. Kopfsteinpflaster in der Fussgaengerzone von Split. Sand am Strand vom Balaton und am Schwarzen Meer in Varna. Teppich in der Blauen Moschee in Istanbul. Zementplatten auf dem Platz Makedonia in Skopje, beim Tanzen zu Strassenmusik bis nachts um 2, und in Prishtinas Fussgaengerzone. Das schwarze Fusskettchen ist aus dem Kloster Rila in Bulgarien.
Meine Haende sehen aehnlich aus. Links: Ein Ring aus Krakow in Polen, einer aus El Paso in den USA. Ein Armreif aus Mostar, ein Armband aus dem Kloster Studenica in Serbien. Rechts: Ein Ring aus Indonesien, den Mami dort mal gekauft und mir geschenkt hat, einer aus Istanbul. Ein Armband aus Veliko Tarnovo in Bulgarien. Ich nehme meinen Schmuck nicht mehr ab. Alle meine Erfahrungen trage ich am Koerper genauso wie im Herzen.

Das Photo von meinen Fuessen hat Carolin Weinkopf in Skopje auf Mariskas Balkon gemacht. Mehr von ihren grossartigen Photos aus Mazedonien findet ihr hier.

In Mostar leben – Impressionen

Das Hostel hat zwei Zweigstellen. Meine liegt direkt am Ufer der Neretva. Das Haus hat frueher Batas und Majdas Grosseltern gehoert. Es ist hell und geraeumig. Majda pflanzt Blumen im Hof. Ich schlafe im Gemeinschaftsraum in einem Bett mit weissen Laken. Sie erinnern mich an fruehere Griechenlandurlaube mit meiner Familie.

Wenn ich von der kleinen Terasse aus dem Tor trete, trennt mich nur ein asphaltierter Basketballplatz vom gruenen Wasser des Flusses. Nur ein paar hundert Meter flussabwaerts erhebt sich majestaetisch die Alte Bruecke. Sehen kann man sie von hier aus nicht, aber ihre Praesenz ist in der Stadt ja stets allgegenwaertig.

Ich sitze in der Abendsonne auf dem Maeuerchen vor dem Hosteltor und rauche eine Zigarette. Der Himmel faerbt sich langsam rosa ein. Ein Schweizer, der im Hostel wohnt, spielt mit einem Haufen bosnischer Jugendlicher Basketball. Zwei weitere Grueppchen von Kindern und Jugendlichen verteilen sich ueber den Platz. Lautes Lachen, Schreien und Triezen erklingt von dort unten. Von den zwei nahegelegenen Moscheen beginnen die Muezzine zum Abendgebet zu rufen. Es ist als wuerfen sie sich die Zeilen aus dem Koran gegenseitig zu. Auf dem Asphalt am Rande des Basketballplatzes stehen in bunten froehlichen Farben die Worte „Strpljenje – Uzdržljivost – Prijaznost“ – Geduld – Maessigung – Freundschaft – und auf der anderen Seite „Ljubav – Radost – Dobrota“ – Liebe – Freude – Guete. Hinter dem Platz ragen Brueckenpfeiler aus dem Wasser, die keinen Steg mehr tragen. Es dunkelt ganz langsam, Muetter rufen ihre Kinder von Balkonen nach hause, „ajde!“, „dođi!“ Es liegt Frieden ueber Mostar, der geteilten Stadt.

Ich gehe noch einmal in das ausgebombte Bankgebaeude, das alle nur als „Snipers‘ Nest“ bezeichnen. Direkt unter mir liegt das frustrierend bunt restaurierte Gebaeude des Gymnasiums. Es wirkt deplaziert. Aber welche Schule, die Segregation betreibt, koennte schon so wirken, als gehoere sie dahin, wo sie steht. Im Kanton Herzegovina-Neretva gehen bosnische und kroatische Kinder und Jugendliche in unterschiedliche Klassen. Sie haben unterschiedlichen Sprach- und Geschichtsunterricht. Sie lernen, dass sie sich unterscheiden. Sie lernen, die Spaltung der Ethnien in ihrer Gesellschaft fuer normal und richtig zu halten. Der Gedanke tut mir in der Seele weh.

Morgens und abends ist es im Hostel am geschaeftigsten. Da kommen Leute an und fahren ab, sie brauchen Fruehstuck, es gilt unterschiedliche Taxis, Pick-ups und Drop-offs zu organisieren, Schluessel werden eingesammelt und ausgeteilt. Batas und Majdas Mutter, sie heisst fuer uns alle nur Mama, sorgt fuer die Verpflegung. Heute morgen gibt es Ruehrei, Tomaten, frische Feigen, Brot mit cremiger Butter und Marmelade. Das beste kommt zum Schluss: Bosanska kahfa, bosnischer Kaffee. Es gibt ein ganzes Ritual dazu, wie dieses koestliche Getraenk zu geniessen ist. Das macht die Bosanska kahfa zum sozialen Ereignis mehr als nur zu einem Wachmacher am Morgen. Mama serviert mit so viel Liebe, dass auch die zoegerlichsten zugreifen. Bosnische Gastfreundschaft und das Lebensgefuehl des Balkans eroeffnen sich im morgendlichen Fruehstuecksritual. Es macht dieses Hostel so einzigartig, dass die Familie versucht, das alles auch den Reisenden zu eroeffnen.

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