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Brückenschläge und Schlagworte

Blaue Albernheit

Tage, an denen man meint, sich niemandem zumuten zu können, weil man sich selbst allein schon so unendlich viel zu viel ist.

Auf den Bürgersteig vor meinem Haus hat jemand mit blauer Farbe einen überdimensionalen Penis gesprayt. „Smurf Penis,“ denke ich kurz an eine bekannte Sitcom, aber für ein Lächeln reicht es nicht. Nicht einmal dafür, mein Handy zu zücken und ein Photo mit dem Internet zu teilen.

Im Hausflur riecht es nach Gras. Das ist erst seit ein paar Wochen regelmäßig der Fall, bestimmt ist jemand neu eingezogen. Vielleicht hat sich aber auch nur bei einem Nachbarn die Lebenssituation geändert und erfordert jetzt regelmäßige Betäubung des Geistes. Liebeskummer aus der Hölle. Verlust der Arbeitsstelle. Tod eines Angehörigen. Warum fallen mir gleich so viele deprimierende Dinge ein, die jemandem zustoßen können?

Ein Königreich für eine Zigarette. Muss ja keine sportliche sein.

Die Primeln auf der Küchenfensterbank haben meine dreitägige Abwesenheit nicht überlebt. Lustlos lassen sie die Blütenköpfe hängen. Darunter zwanzig Knospen, die vertrocknet sind. Überzüchtetes Supermarktzeug.

Jemand dudelt auf seiner Gitarre. Ich kann nicht richtig hören, ob es von oben oder von unten kommt. Ich habe kein gutes räumliches Vorstellungsvermögen, warum sollte ich einen guten räumlichen Gehörsinn haben. Was kann ich eigentlich! Es sind immer dieselben drei Akkorde. Wenn der aufhört, fängt bestimmt der andere an, der immer aus einer anderen Richtung spielt, Gott weiß aus welcher. Der zweite spielt immerhin normalerweise eine Melodie, aber auch die wiederholt sich nur.

Im Wohnzimmer lege ich die Post auf den Schreibtisch. Nur Rechnungen. Ich werde sie nachher bezahlen müssen. Mir wird schlecht. Ansonsten sieht alles aus wie immer.

Zurück in der Küche schmeiße ich die Primeln in den Müll und setze mich auf meinen Küchenstuhl. Leer starre ich auf die Photos, die gegenüber an der Wand hängen. Wann hat diese Wohnung aufgehört, ein Zuhause zu sein? flüstert die Stimme in meinem Kopf, die mich eben auch gefragt hat, was ich eigentlich kann, als ich nicht wusste, woher der Klang der Gitarre kommt. Habe ich erwähnt, dass ich heule? Ach, ist ja auch nicht so wichtig. Ich heule ja sowieso immer, permanent und pausenlos. Es ist besser, wenn das keiner mehr allzu ernst nimmt. Welchen Wert haben die Dinge schon, die alltäglich sind. Leben wir nicht in einer Welt, in der nur Seltenheit wahre Kostbarkeit konstituiert? Meine Tränen sind nicht kostbar. Sie eignen sich allenfalls noch als Restposten zum Sonderpreis.

Ich mag kein Pathos. Ich mag keinen Zynismus. Ich mag diese ganzen furchtbaren Mechanismen nicht, mit denen man versucht, das eigene Leid zu regulieren, zu begreifen und in Worte zu fassen. Ich habe keine Lust dazu, mich selbst zu wichtig zu nehmen und tue es doch pausenlos. Dabei weiß ich ja noch nicht mal, was zur Hölle eigentlich mein Problem ist. Vielleicht hätte ich gerne, dass jemand da wäre. Gleichzeitig glaube ich nicht daran, dass mir das gut tun würde, weshalb ich diesmal nicht zum Telephon greife.

Diesmal nicht.

Also sitze ich auf meinem Küchenstuhl und heule. Ertrage meine eigene Anwesenheit kaum. Kämpfe meinen Kampf. Warte, dass es aufhört. Weiß genau, dass ich nachher meinen Arsch hochkriegen, die Nase putzen, meine Rechnungen bezahlen und mir eine Ablenkung suchen werde. Und mich schämen. Meiner Tränen und meines ganzen armseligen Leids, das meinem analytischen Kopf so abgrundtief albern vorkommt. Wie dieser bescheuerte blaue Penis da draußen auf dem Bürgersteig.

2 Comments

  1. Sich selber wichtig nehmen ist eines der wichtigsten Dinge überhaupt. Und niemand sollte sich seiner selbst schämen – nicht der Tränen, nicht der vermeintlichen Talentlosigkeit oder sonst irgendwelcher Dinge.
    Ich wünsche Dir schnellstmöglich Dein strahlendes Lachen zurück. Bis dahin darfst Du Dich ohne schlechtes Gefühl schlecht fühlen. Weil das Leben eben nicht immer nur schön ist.

    Liebe Grüße
    Madame Himmelblau

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