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Brückenschläge und Schlagworte

Mitteilsamkeit

Früher habe ich alles, was mich bewegte, erzählt. Ich hatte tatsächlich keine Geheimnisse. Alles, was in mir los war, wusste irgendjemand. Das meiste wussten sehr viele Leute. Es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, dass es mir gar nicht gut tut, mich jedem zu öffnen und dass es auch nicht jeder verdient. Noch länger hat es gedauert, bis ich verstand, dass ich meinem Gegenüber gar nicht immer einen Gefallen tue, wenn ich mich öffne. Natürlich ist es ein Vertrauensbeweis, jemandem persönliche DInge von sich zu erzählen. Es kann aber auch eine Last sein, die eine Freund- oder gar nur Bekanntschaft nicht zu ertragen imstande ist.

Es ist schwieriger für mich geworden, mich mitzuteilen. Die Dinge, die in meinem Leben passieren, sind so wahnsinnig persönlich. Außerdem betreffen sie nicht nur mich, sondern auch andere Menschen, die mir nahe stehen. Vielleicht würde es mir gut tun, mehr darüber zu schreiben. Vielleicht bräuchte ich aber für das Schreiben keine mehr oder weniger anonyme Leserschaft im Netz, sondern nur ein Notizbuch. Vielleicht bräuchte ich auch wieder einen Blog, von dem wirklich kein Mensch weiß, dass ich es bin, die ihn schreibt. Vielleicht ist das alles eine Illusion. Geschrieben Worte wollen Leser*innen, und Leser*innen wollen wissen, wer die Worte geschrieben hat. Der Autor – und die Autorin – ist alles andere als tot. Nimm das, Roland Barthes.

Einfacher war es eigentlich, als ich noch über Liebeskummer schrieb. Vor dem Liebeskummer sind alle Menschen gleich. Wer ihn auch hat, wird deine Texte immer lieben, weil er sich weniger allein fühlt. Wer ihn nicht hat, wird trotzdem nicht über deine Texte pöbeln, weil man nicht auf jemanden eintritt, der schon am Boden liegt. Nicht, dass ich den Liebeskummer wiederhaben will. Aber er war künstlerisch durchaus produktiv, ohne dass er dazu führte, dass mir jeder zweite Depp aus dem Internet mein Leben erklären wollte.

Letztenendes geht es wohl darum, dass ich zu den Dingen, die mich im Moment beschäftigen, keine neunmalklugen Kommentare ertragen will. Oder kann? Ich will es jedenfalls gar nicht erst darauf ankommen lassen. Ich will keine Ratschläge zum Umgang mit meiner erkrankten Mutter (Ja, ich habe mich bereits ausführlich mit dem Krankheitsbild beschäftigt. Nein, dein Kommentar öffnet mir nicht unversehens die Augen und macht alles wieder gut.). Ich will nicht, dass mir jemand erklärt, wozu ich eine Meinung haben darf und wozu nicht (just heute last ich auf Twitter zum Beispiel wieder erbaulich von Menschen, die der Meinung sind, man dürfte sich keine Kommentare zu Kindern erlauben, wenn man nicht selbst welche hätte). Ich will nicht, dass Menschen beleidigen oder verurteilen, welches Leben ich mir ausgesucht habe („Gutmensch“ ist kein Schimpfwort, aber wenn du das nicht von allein weißt, habe ich auch keine Lust, mit dir darüber zu diskutieren).

Vielleicht schreibe ich trotzdem wieder mehr. Vielleicht nur nicht mehr so viel über mich selbst.

1 Comment

  1. @Keinzahnkatzen

    März 22, 2017 at 7:24 am

    Gute und kluge Gedanken, vielen Dank. Ich würde mich freuen, wieder mehr von dir zu lesen. – Wobei ich auch gut verstehe, dass das nicht immer das Mittel der Wahl sein kann. Ich kenne auch das Problem, weder vertraut noch anonym genug zu sein, um wirklich über alles zu schreiben, was mich bewegt.
    Wünsche dir also auch weiterhin Themen, die dir wichtig sind und die sich auch richtig fürs Blog anfühlen.

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